Herren von Eibenstein Burg Eibenstein Familie Eibenstein

 

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nach Franz Xaver Kießling

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Wenn man von Raabs her, flußabwärts gegen Drosendorf, das Thayatal durchquert, so gelangt man auf das freundlich in einem weiten Talkessel liegende Dorf Eibenstein, daß sich zu Füßen eines kuppenförmig geformten Hügels dehnt, auf dem sich eine der ältesten Pfarrkirchen des Waldviertels erhebt. Gegenüber diesem Hügel bemerkt man, jenseits des Flußes, die Reste einer verfallenen Ritterburg aus der dunklen Umrahmung des Nadelholzwaldes hervorlugen. Diese Mauerreste stehen auf einem zum Teil fast senkrecht in das Flußbett abfallenden felsigen Bergrücken, der den Talkessel fast halbkreisförmig gegen Norden zu umrahmt.

 

Ruine Eibenstein. Südwest-, Süd-, Südostansicht

 

Der Besucher, der nur nach dem ersten Anblick urteilen wollte und etwa noch erfüllt ist von dem Eindruck, den ihm die Besichtigung der kühn auf den Felsen hinaufgezauberten alten Hohenzollernburg Raabs (Raabs ist die Stammburg der Hohenzollern mütterlicherseits), die noch so ziemlich in ihrer ursprünglichen Gestaltung erhalten ist, hervorgerufen hat, sowie die der großartig angelegten Kollmannsruine (Ruine Kollmitz), würde sich von dem Besuche jenes eingangs erwähnten unscheinbaren Gemäuers wenig Lohnendes versprechen.

Im Vergleich zu den anderen Burgenresten sehen in der Tat diejenigen von Eibenstein unscheinbar aus, und würden nicht die Mauertrümmer des Wartturmes, der sich kühn auf dem höchsten Punkt des Felsens, des ,,Eibensteins“ erhebt, noch immer trotzig genug zum Himmel ragen, man würde hinter der schmalen, dach- und schmucklosen Baulichkeit keine einst stolze Ritterburg vermuten. Insbesonders klein erscheint die Burg, wenn man von der Straße von Primmersdorf her die Feste zuerst erblickt. Doch, was dem Wanderer zunächst hier entgegenschaut, ist eben nur die westliche Schmalseite einer mittelalterlichen Befestigung, die von der vordersten Zwingermauer, deren Reste noch ersichtlich sind, bis zum rückwärtigen Burggraben eine Fläche bedeckt, welche ungefähr

100 m lang ist und eine (verglichene) Breite von 25 bis 30 m besitzt.

 
   

Wie man aus diesen beiläufigen Angaben entnehmen kann, gehörte Eibenstein zwar nicht zu den großen Burgen, wie etwa Hardegg, Kollmünz (die Schreibweise ,, Kollmitz" ist nicht richtig. Die ursprüngliche Form ist uns noch in dem fränkischen Ortsnamen „Kollmitz“ [Bayern] erhalten. Kollmünz ist aus Kollmanns [ähnlich wie Dietmanns [gebildet.]) u. dgl., ist aber größer, als man gemeiniglich vermutet.

Was die allgemeine Lage des Burgfelsens anbelangt, so befindet sich derselbe auf einem aus dem Hinterlande in das Talbecken hereinragenden, gegenwärtig dicht bewaldeten Bergrücken, der gegen Süden steil zum ThayaFluße abfällt und andererseits durch den tief eingeschnittenen Unter-Pfaffendorfer-Graben begrenzt wird. Die von drei Seiten mehr oder weniger sturmfreie, d.h. also angriffsgesicherte Anordnung, wird ostwärts durch einen, teils abermals natürlich vorhandenen, zumeist jedoch künstlich aus dem Felsen gebrochenen Burggraben, der sich quer zwischen dem genannten Bachgraben und dem Fluße, nach beiden Seiten hin abfallend, hinzieht, ergänzt.

 

Der Bau der Burg

 

Der Bau der Burg selbst, dürfte trotz der von Natur aus zu einer Befestigung günstigen Lage, ein sehr mühsamer gewesen sein, denn die Grundflächen der Gebäude und der ziemlich raumbeschränkten Burghöfe mußten dem Felsen sozusagen erst abgerungen werden. Deshalb ist auch der absatzartige (terrassenförmige) Aufbau der Burg begreiflich, und das häufige Zutagetreten des Gesteins erklärlich. Einzelne Räumlichkeiten sind auch nicht immer auf allen Seiten durch Mauerwerk abgeschlossen, sondern durch mehr oder minder senkrecht abgearbeitete Felswände begrenzt. Die Burg Eibenstein ist nicht nur auf, sondern zum Teil auch in den Felsen hineingebaut. Das eine Gute hatte die Notwendigkeit des Abbrechens des Felsens behufs Bodengewinnung für die Baulichkeit und Herstellung bzw. Vertiefung des Burggrabens, daß dadurch zugleich auch ein Teil der Baumittel, die Bausteine, an Ort und Stelle gewonnen wurden. Nachdem auch der Bausand aus dem Flußbett der zu Füßen des Bauplatzes vorbeifließenden Thaya nahe bei der Hand war und das Fällen der Fichten und Tannen, welche den Bauplatz und dessen nächste Umgebung bedeckten, das erforderliche Bauholz lieferte, außerdem der Baukalk vermutlich ebenfalls in unmittelbarer Nähe des Bauplatzes aus den abgesprengten Bruchstücken des zu Tage liegenden Kalksteinfelsens gebrannt wurde, so benötigte ein Bauherr damaliger Zeit - die Burg dürfte ungefähr in den Anfang des 12. Jahrhunderts ihr Entstehen verlegen können - keines bedeutenden Baugeldes, um sich eine derartige Wohnstätte schaffen zu können.

Was die menschlichen Arbeitskräfte anbelangt, so waren die damals nicht viel kostspieliger als das Baumaterial. - Die Peitsche des Aufsehers trieb Hörige (Leibeigene) und Knechte, ob Mann, ob Frau, ob Alt, ob Jung, auf den Bauplatz, und wenn auch mehrere Duzende von Menschenleben im Laufe der zwei- bis dreijährigen Bauzeit einer solchen Burg zugrunde gingen, was kümmerte dies den Bauherrn? Ein Scheltwort aus seinem Munde, ein Fußtritt oder Peitschenhieb - war vielleicht die Antwort auf allfällige Klagen. Aber auch wie viele Verwünschungen mögen auf so mancher unserer stolzen Rittersburgen lasten, und wenn der letzte Sprosse eines darin hausenden Geschlechtes oftmals ein gräßliches Ende fand, wie z. B. die Sage dem letzten Eibensteiner zuschreibt, so darf es nicht wundern, wenn das Volk dies als die vergeltende Tat eines rächenden, unerforschlichen Schicksales betrachtet. Mit welcher Genugtuung mag dann auch mancher der Nachkommen eines Hörigen, der einst zum Baue der Burg mit Leib und Gut roboten mußte, daran geschritten sein, an die durch Feindesgewalt gebrochene Burg Hand anzulegen und Stein um Stein aus dem einst so stolz dastehenden Gemäuer zu lösen, um etwa seine morsche Holzhütte in ein gemauertes Wohnhaus zu verwandeln, oder aber gar um jene Steine, die einst den Prunksaal des verhassten Burgherrn bewandeten, zum Bau eines Kuh- oder Schweinestalls zu verwenden?!

Namensgebung

Es ist ziemlich außer Zweifel, daß die Burg, überhaupt die Örtlichkeit, ihren Namen nicht dem Erbauer der Burg verdankt, sondern umgekehrt, daß sich das Geschlecht derjenigen, welche die Burg erbauten, nach der Örtlichkeit benannte, wie dies in vielen anderen Fällen vorgekommen ist. Ein Beweis, daß der Ortsname ,,Eibenstein“ nicht erst seit dem Bau der Burg herzuleiten ist, sondern von jenem Felsen, der gleich einem steinernen Thron das Talbecken beherrscht, ist der Name der Dörfer Groß-Eibenstein und Klein-Eibenstein bei Gmünd im nordwestlichen Waldviertel. Hier befindet sich und befand sich niemals eine Burg, wohl aber mächtige Felsblöcke, von denen ein fast hausgroßer, durch seine thronende Lage auf einer Anhöhe, auffällig ist.

Bei Gmünd hängt der Ortsname also mit einem bemerkenswerten Stein (Opfer- oder Brandstein) zusammen. Das Wort ,,Eibe“ ist ein deutsches Wort und bezeichnet eine Nadelholzbaumart, die schon deswegen den alten Deutschen als verehrenswert galt, weil sie in nördlichen Gegenden selten vorkommt, aber auch weil sie dem winterlich aufgefassten Allvater (Wuller oder Uller) geheiligt war, dessen Aufenthaltsort in der Edda, dem germanischen Heldenepos, Eibenthal genannt wird. Das bietet uns Anhaltspunkte, daß der Name ,,Eibenstein“ ein uralter ist.

So muß man davon ausgehen, daß die Bezeichnung der betreffenden Örtlichkeit schon an-haftete, bevor sich auf oder bei ihr eine feste Wohnstätte befand. Nach ihr benannte sich dann derjenige, der sich auf dem Fels des Eibensteines, Buchensteines usw. die Burg erbaute, entsprechend der vom umwohnenden Volke gebrauchten oder überlieferten Felsbezeichnung. Welchem besonderen Teil des felsigen Rückens die Bezeichnung ,,Eibenstein“ zukommt, lässt sich unschwer erraten. Es ist dies jener noch heute in seiner ursprünglichen Zerklüftung mauerartig emporragende Felsblock, der auf seiner westlichen Plattform den alles überragen­den Turm trägt, während zu Füßen seiner östlichen Abplattung die kleine Burgkapelle Platz fand. Auch heute finden sich Eiben vereinzelt in den Wäldern rund um Eibenstein, und man kann annehmen, daß dieser bei unseren Vorfahren in hohem Ansehen stehende Baum auch früher vorgekommen ist.

 

Die Burg Eibenstein

 

a) Zugang und Zufahrt

 

Jetzt sollen die vorhandenen Überreste der Eibensteiner Burg eingehender betrachtet und beschrieben werden.

Der Aufstieg zur Burg ist gegenwärtig durch einen Fußsteig von der Straße Richtung Unter-Pfaffendorf möglich. Früher gab es einen weiteren Aufstieg, etwas weiter vorn Richtung Unter-Pfaffendorf, ebenfalls von der Straße her. Man ist bald bei dem Haupteingang der Burg angelangt, denn die Ebene des inneren Burghofes liegt nur etwa 20 m über dem Spiegel der Thaya.

Es soll zunächst die vermutliche Auffahrt, dann die eigentliche Burg in Augenschein genommen werden, und schließlich die äußeren Befestigungswerke, so weit sie eben noch erkennbar sind.

Zur besseren Vorstellung sei auf die beiliegende Skizze verwiesen, die aber keine genauen Angaben liefern kann, da manche Teile der Burg, weil sie zerstört oder verwachsen sind, nicht mehr erkennbar sind und nur erahnt werden können. Die in der Skizze ersichtlich gemachte Anordnung darf man sich nicht in einer Ebene gelegt denken, sondern die Burg wurde nach den natürlichen Gegebenheit auf dem Bergrücken verteilt, der in der Richtung von Nord nach Süd aus dem natürlichen Graben des Pfaffendorfer Baches bis zum höchsten Punkt des Felsens (auf dem der Turm steht) terrassenförmig ansteigt (bis auf 33 - 35 m), um dann zum Flußbett der Thaya abzustürzen.

Wie erwähnt, führten einst zwei Fußsteige zur Burg. Der eine, ziemlich steil bei a, der andere bequemer, wie es scheint den oberen Arm der ehemaligen Auffahrtsrampe benützend, bei a1.

Beide Steige führen durch dichtes Unterholz hindurch, über die nördliche Abhangseite des Burgfelsens zum Haupteingang E. (Die ältesten Burgtore hatten nur die mäßige Höhe eines Reiters, also ungefähr drei Meter; wo sie höher sind, ist dies ein Merkmal jüngerer Zeit.)

Derselbe stellt eine rundbogige Toröffnung von 270 cm Breite und 3 m Höhe vor. Die Seitenflächen der Mauer sind nach innen (in den Burghof zu) beiderseits stark abgeschrägt, um das Öffnen der Torflügel bequem zu ermöglichen; die innere Torweite beträgt 380 cm.

Noch sieht man beiderseits in der 130 cm starken Mauer, zweifach übereinander die tiefen, einst mit Brettern gefütterten Schiebeöffnungen, in welchen die 25 bis 30 cm im Geviert betragenden hölzernen Torriegel eingeschoben werden konnten. Nachdem sich nirgends mehr im äußeren Mauerwerk der Burg eine ähnlich weite und hohe Toröffnung zeigt, so muß man wohl annehmen, daß man es hier mit dem Haupttor zu tun hat. Auffällig ist wohl, daß dieser Eingang nicht durch einen befestigten Turm und vorliegenden Graben gesichert ist, wie das sonst bei Burgen zumeist der Fall war, bzw. daß man in diesem Falle den Haupteingang an einer Stelle anbrachte, wo es überhaupt nicht tunlich erschien, einen Graben anzulegen. Es muß auf diesen Umstand besonders verwiesen werden, weil auch das später zu erörternde untere Rampentor durch keinen quer vorgelegten Graben, wie es heute scheint, in dieser Weise geschützt war.

 

Abb. 4:Haupteingang (E) von außen

Abb. 5:Haupteingang (E) von innen

 

Vor E war ein Graben gewiss niemals vorhanden, denn sonst müßten auch beiderseits des Tores oder oberhalb noch die länglichen Schlitze für die Kette der Fallbrücke zu sehen sein. (Die zahlreich zu bemerkenden kleinen quadratischen Maueröffnungen sind die Aussparungen für die durchlaufenden Gerüsthölzer beim Bau.)

Wohl käme noch eine zweite Maueröffnung E2 an der Ostseite der Burg in Betracht, zu deren Füßen sich der von Süd nach Nord ziehende ,,äußere Burggraben“ hinzieht, aber abgesehen von ihrer geringeren Breite (2 m) kann diese Öffnung trotz des Grabens schon deshalb nicht als Zufahrts- oder Haupteingang gelten, weil hier jegliche Möglichkeit fehlt, denselben überhaupt von außen nach innen hin fahrbar zu benützen, denn die dieser Öffnung gegenüberliegende Grabenböschung fällt so steil ab, daß an eine Zufahrt gar nicht zu denken ist; auch fehlt jegliche Spur einer über den hier in Betracht kommenden Teil des nördlichen Abhanges heraufführenden Rampe, von der doch noch halbwegs ein ehemaliger Anschluß zu bemerken sein müsste. Würde diese Maueröffnung überhaupt einen wichtigeren Eingang zur Burg gebildet haben, so müßte auch der vorliegende tiefe Graben durch eine Zugbrücke überschreitbar gewesen sein, man müßte der Öffnung E2 gegenüber, auf der Gegenseite des Grabens, Spuren eines im Felsen gehauenen oder gemauerten Auflagers und in der Tormauer die unvermeidlichen Schlitze für die Zugkette der Brücke, beiderseits der Öffnung E2, bemerken können. Aber beide Merkmale fehlen, und nachdem zur erst erwähnten Toröffnung E tatsächlich von α1 her gegen E eine Rampe führt, so dürfte selbe mit ziemlicher Gewißheit als das Haupttor der Burg zu betrachten sein.

Die Rampe selbst machte bei α1 eine scharfe Biegung in entgegengesetzter Richtung nach abwärts gegen C. Dieser Teil der ehemaligen Zufahrt zur Burg bildet gegenwärtig ein Stück der Straße, die von Eibenstein nach Unter-Pfaffendorf führt. Der Anschluß des unteren Rampenarmes an den oberen (die Biegung, Wende oder Kehre) ist heute nicht mehr zu bemerken, da sie durch Benützung bzw. Fortsetzung des unteren Rampenarmes als Straße nach Unter Pfaffendorf längst abgegraben sein dürfte.

Bei C zeigen sich beiderseits des Weges Mauerteile m und m1 , welche vermutlich die Reste eines Tores waren, das hier die Rampe abschloß. Wenn man sich die vorhandenen Mauerreste ergänzt denkt, so würde man ein die Toreinfahrt schützendes Bauwerk (m n o p) erhalten, das zugleich als Befestigungsvorwerk (sog. Koffer) betrachtet werden kann. Nachdem auch auf der anderen Wegseite Mauerreste bemerkbar sind, so bildete m1, n1, o1, p1 vielleicht mit m, n, o, p ein gemeinsames turmähnliches Gebäude, welches die Durchfahrt gestattete und den unteren Eingang sicherte.

Von m1, n1 dürfte sich eine starke, gegen den Bachgraben abfallende Mauer, die Rampe aufwärts zum Schutz derselben fortgesetzt haben, denn k1, l1, m1, n1 stellen heute einen aus zusammengestürztem Mauerwerk gebildeten, im Mittel 4 m breiten und über 1 m hohen Wall vor, der aufwärts an Breite und Höhe abnimmt, weil dann die Bachsohle immer tiefer eingeschnitten erscheint, je mehr die Seitenwände des natürlichen Grabens ansteigen. Auch das Stück 1, m zeigt Mauerreste, so daß die Rampe beiderseits zwischen festen Mauern zur Burg hinaufführte. Ob genau bei α1 die Wendung stattfand, lässt sich nicht bestimmt sagen, denn es fehlt heute an einer zuverlässigen Übergangsstelle, auch sind hier keine Mauerreste zu bemerken; dennoch müßte ungefähr hier die Wendung stattgefunden haben, da weiter oberhalb und unterhalb die Möglichkeit ausgeschlossen erscheint, die beiden Rampenarme günstig zu verbinden.

Durch die spätere Anlage oder Ausgestaltung des Fahrweges von Eibenstein nach Pfaffendorf dürfte eben, wie erwähnt, die ursprüngliche Anlage der Rampe an dieser Stelle stark verändert worden sein. Möglicherweise ist das Bruchstück des 4 m hohen und 125 cm starken Ansatzes bei D an der Außenmauer des Gebäudes G2 das Ende jener Mauer, die in ihrem unteren Teil die Rampe gegen den Graben abschloß, dann von k1 an α1 vorbei, den Abhang aufwärts gegen D führte und so die Burg gegen die Pfaffendorfer Seile abschloß.

Zu Füßen dieser Mauer zog sich dann auch der äußere Burggraben hin, der nordwärts in den Pfaffendorfer Bachgraben mündete. Dann aber bildete jene Öffnung E2 eine Nebenpforte, durch welche man durch den Graben hindurch auf einem Fußweg nach Unter-Pfaffendorf gelangen konnte. So viel über die Zufahrt und den Zugang zur Burg.

 

b) Das innere Burgtor und das Herrenhaus (Palas)

Betritt man nun bei E das Innere der Burg, so zeigt sich rechter Hand ein hohes Gebäude G, welches sich als der festeste und wohlerhaltenste Teil der Burg darstellt. Durch ein 240 cm hohes, außen 165, innen 200 cm weites Tor E1 gelangt man in das Erdgeschoß jenes Gebäudes, dessen vier Mauerwände noch gut erhalten sind. Die beiden Außenmauern, die längere gegen Westen und die kürzere gegen Norden, besitzen eine Stärke von 160-170 cm.

Die Hofmauer, in der sich das Tor E1 befindet, ist 140 cm stark. Der Fuß der westlichen wie der nördlichen Außenmauer ist durch ein niedriges Mauerstück S und S1 (siehe Skizze) noch besonders gesichert. An den ungefähr über 8 m aufstrebenden senkrechten Wänden bemerkt man noch die Spuren der Unterteilung in drei Geschoße. Das unterste (Erdgeschoß) war gegen 280 cm hoch, das erste und zweite Stockwerk je 250 und 300 cm. Die vier Wände des Gebäudes schließen eine trapezförmige Grundfläche ein, deren beide Längsseiten 10,70 bis 10,80 m, deren Breitseite 6,80 bzw. 3,40 m messen, womit also auch die Größenverhältnisse aller Geschoßräume, die nach oben hin gleich bleiben (die Mauerstärken verjüngen sich nicht) gegeben sind. Rechts vom Tor E1 bemerkt man im Boden des Erdgeschoßes eine beiläufig 2 m im Durchmesser habende, kreisförmige, trichterförmige Vertiefung, die von dem verschütteten Drehbrunnen herrührt. Der rechte Teil des Erdgeschoßes bildete demnach eine Brunnenstube.

Der linke Teil des Erdgeschoßes ist vom Hof her durch ein 122 cm weites, sich nach außen auf
80 cm verengendes Fenster erhellt und diente vielleicht als Geräteraum. Die südliche Schmalseite dieses Raumes stellt hier eine bloße Felswand vor. Gegenüber dem Tor E1 befindet sich in der Außenmauer eine innen 125 cm weite und 165 cm hohe Öffnung, durch welche man einen Ausblick auf das Dorf im Tal hat. Das Erdgeschoß war vom nächstoberen Stockwerk durch einen starken Dippelboden getrennt. In das erste Stockwerk gelangte man von dem Vorraum R durch die 80 cm weite und 200 cm hohe Türe d. Der Fußboden des Erdgeschoßes im Vorraum R liegt nämlich gleich hoch mit dem Fußboden des ersten Stockes im Gebäudeteil G, da der Vorraum auf
jener Felsterrasse liegt, die den inneren Burghof um 2 bis 2 ½ m (die Sohle des Erdgeschoßes G fast um 3 m) überhöht. In der westlichen Längsseite sind zwei Maueröffnungen, in der Mitte der nördlichen Schmalseite eine, in der Hofwandseite auch eine Öffnung zu bemerken; diese , teils rechteckig, 100 - 120 cm weit und 90 - 100 cm hoch, verjüngen sich aber nach außen hin zu bloß

 

Abb. 7: Palas, innen,
Blickrichtung Südost
zum zwickelförmigen Bau,
der als Treppenhaus
für den Palas diente.
Unten, im ersten Stockwerk
die Tür (d), im Hintergrund
der Bergfried

Abb. 8: Palas, innen, Blickrichtung Nordwest. Im ersten Obergeschoß

nach innen erweiterter

Fensterschlitz, im Obergeschoß stichbogenförmige Nische mit Seitenbänken

 

Abb.9: Blick in den Palas vom Bergfried aus in Richtung Nordwest. Im Mittelgrund die obere Tür vom Treppenhaus in den Palas

 

 

20 - 30 cm weiten Mauerschlitzen. Nebst diesen Lichtöffnungen zeigten die Wände dieses Geschoßes außer einer Wandnische noch als bemerkenswert eine ungefähr 1 m lange, ungefähr
40 cm über dem einstigen Estrich (Lehmbelag des Dippelbodens) ziehende, rinnenartige Vertiefung, in der nordwestlichen Ecke dieses Geschoßes, welche Rinne das Auflager vom Kopfende einer Lagerstätte (Pritsche) anzudeuten schien. Diese Rinne ist heute nicht mehr zu erkennen. Dieser so ungastlich erscheinende Raum diente dem Gesinde zum Aufenthalt.

 

Abb. 10
Dreistöckiger Palas. Längsseite. Mittel- und Obergeschoß. Im Mittelgeschoß nach innen erweiterte Fensterschlitze, im Obergeschoß stichbogenartige Nischen mit Seitenbänken. Zwischen den beiden Stockwerken Löcher für die Aufnahme der Deckenbalken.


 


Heute würde man dieses durch wenige schießschartenartige Mauerschlitze erhellte Gelass überhaupt nicht als Wohnraum für Menschen erachten. Die kleinen Fenster- und Türöffnungen entsprachen jedoch den Anfordernissen der damaligen Zeit. Man mußte stets auf feindliche Überfälle bedacht sein; deshalb brachte man in den Mauern nur die unumgänglich nötigsten Öffnungen an und diese so klein als möglich.

Um das Einsteigen zu verhindern, erhielten die Räume des Erdgeschoßes in den Außenwänden überhaupt keine Fenster. Aus Sicherheitsgründen wurden selbst noch die im ersten Stock nötigen Lichtöffnungen so schmal angelegt, wie im vorliegenden Fall, so daß ein Eindringen von außen selbst mit angelegten Leitern unmöglich war. Neben der weiteren Absicht, die Mauern so wenig als möglich zu schwächen und auch die Öffnungen an und für sich im Kriegsfall leichter zu verrammeln und verteidigen zu können, war auch noch folgende Erwägung für die geringe Größe der Tür- und besonders der Fensteröffnungen bestimmend: Zumeist auf luftigen Fels- und Berghöhen gelegen, erforderte der Schutz gegen die Einflüße der kalten Jahreszeit möglichst kleine Tür- und Fensteröffnungen. Damals war auch das Glas noch ein sehr kostspieliger Handelsgegenstand und nur die Fenster der Herrenleute waren mit kleinen, durch Bleiumfassungen gehaltenen, runden, farbigen Glasflüßen (Butzenscheiben) -große weiße Fenstertafeln konnte man damals noch nicht herstellen - verschlossen.

In Wien kamen die ersten Glasfenster erst 1458 auf. Vordem benützte man auch hier dünn gespaltene Darmhäute, ölgetränktes Papier als lichtdurchlassende Fensterverschlüsse. Die Lichtöffnungen der übrigen Räume wurden im Winter durch in Öl getränktes Papier, oder aber zumeist durch vorgelegte Bretter, die man mittelst hölzerner Schubriegel an das Gebäude anpresste, vermacht. Türen und Fenster konnte man also damals noch nicht luftdicht abschließen wie heute. Eiserne Fensterriegel wendete man ebensowenig an wie eiserne Türschlösser. Der Verschluß der hölzernen Fensterläden und der Türen geschah durch einen hölzernen Riegel, der innerhalb in entsprechend tiefen, seitlich im Mauerwerk ausgesparten Schiebelöchern, die häufig zur leichteren Bewegung mit Holz gefüttert waren, hin und her geschoben werden konnte. Eines der seitlichen Schublöcher ist stets so tief, daß das Riegelholz darin der ganzen Länge nach geborgen werden konnte, so daß sich die Türe ganz öffnen ließ. Daß zwischen dem Bretterverschluß und dem Steingewände trotzdem die kalte Luft hindurch zog, ist begreiflich und nun erklärlich, warum man die Lichtöffnungen, insbesonders in Schlaf- und jenen Räumen, die dem Gesinde zum Aufenthalte dienten, spärlich anbrachte und klein herstellte.

Die Ausstattung solcher Gelasse, die vom vielbeschäftigten Gesinde tagsüber fast gar nicht benützt und hauptsächlich als Schlafräume in Anspruch genommen wurden, wozu man nicht viel Tageslicht bedurfte, war überhaupt sehr einfach. Heu- und Strohhaufen auf dem Dielenboden (Lehm-Estrich) oder in hölzernen, einfach gefügten Bettstellen (Pritschen) mit darübergeworfenen Tierfellen bildeten das Lager.

Aenas Sylvius, der im 15. Jahrhundert lebte, berichtet, daß damals noch die Hofleute (also nicht einmal das niedere Gesinde) in einer Kammer, je zwei in einem noch dazu höchst unreinlichen Bett schliefen. Bestanden solche Zustände am kaiserlichen Hoflager, so kann man sich eine Vorstellung von den Schlafräumen und Lagerstätten der Dienstleute, in den kleineren Burgen der früheren Jahrhunderte, machen. Noch im Jahr 1234 schlief der König von England auf Tierfellen. Erst in diesem Jahr ließ er sich eine hölzerne Bettstelle zimmern, die mit einem Strohsack versehen wurde.

Einige hölzerne Truhen und Wandbretter, Haken an den Wänden zum Aufhängen der Kleidungsstücke und Geschirrstellen vervollständigten neben der Ofenbank und dem Schragen zum Trocknen nasser Kleidungsstücke so ziemlich die ganze Einrichtung einer solchen Gesindestube, die in raumbeschränkten Burgen beiden Geschlechtern zum gemeinsamen Wohnraum diente. Auch die Ausstattung der Wohnräume der Burgbesitzer oder ihrer Hauptleute, besonders in Burgen vom Range der Eibensteiner, haben in Wirklichkeit mit den von Romanschriftstellern erzeugten Schilderungen von Pracht und Herrlichkeit nur in den seltensten Fällen übereingestimmt. Doppelspännige, mehr oder weniger verzierte, strohgefüllte Bettstellen, mit Leintüchern und Kopfkissen (das Feder- oder Flaumenbett wurde erst im 16. Jahrhundert üblich), mehr oder minder verzierte hölzerne Truhen zur Aufbewahrung von Wäsche und der verschiedenen wertvolleren Habseligkeiten, Bänke an den Wänden, kleine, in die starken Mauern eingelassene Wandschränke, starke eicherne Tische bildeten, vielleicht noch nebst einer Harfe oder Gitarre, die Haupteinrichtungsstücke. Wohl fehlten auch in diesen Räumen nicht Geschirrstellen und Haken an den Wänden, letztere zum Aufhängen der Rüstung und der zum täglichen Gebrauch gehörigen Kleidungsstücke.

Diese Erklärungen sollen dazu dienen, um das soeben in Betracht gezogene Mittelgeschoß nicht als einen nur zu Verteidigungszwecken dienenden Raum zu erklären, dessen schlitzartige Maueröffnungen als ,,Schießscharten“ gedient hätten; hierzu taugten diese aber keinesfalls, da sie das erforderliche Hineintreten eines mit einer Armbrust u. dgl. bewaffneten Schützen (die Feuerschießwaffen sind ja erst eine ,,Kultur“errungenschaft des 15. Jahrhunderts) in die ,,Schieß“schartenöffnung nicht gestatten, was doch, um einen gewissen Vorraum bestreichen zu können, unbedingt nötig gewesen wäre. Aus einer Ecke dieser Gesindestube, oder des ersten Stockwerkes, gelangte man mittels einer hölzernen Treppe in das zweite. Das Abteil des ersten Stockwerkes, in dem sich die Treppe in das zweite befand, war vermutlich durch eine Holzwand von dem übrigen Raum der Gesindestube getrennt und durch eine in dieser Holzwand angebrachte Türöffnung zugänglich. Das zweite Stockwerk besaß eine lichte Höhe von fast 3 m und war mittels eines einfachen Trambodens vom Untergeschoß geschieden. Noch sieht man in den Längswänden des Gebäudes die Öffnungen in der Mauer, in welchen die Tramköpfe ruhten. Die Entfernung der Trame betrug ungefähr 80 - 90 cm von Mitte zu Mitte. Auf den Trambalken wurde sodann die Bretterverschalung des Fußbodens befestigt.

Das zweite Stockwerk zeigt an der Westseite drei Fensteröffnungen; an der Nordseite (in der Mitte der Wand) eine; in den Hof hinab an der Ostseite zwei. Jedes dieser Fenster befindet sich in einer gewölbten Mauernische, die vom Fußboden aufwärts 230 cm Höhe misst und fast bis an die Decke reicht. Die Breite der Fensternischen ist nicht gleich. Die in der Ecke bei A, wo die Westseite mit der Nordseite des Gebäudes zusammentrifft, sowie die in der Nordseite angebrachte, sind 215 cm weit, 120 cm tief und 230 cm hoch. Die Nischen der übrigen Fenster sind weniger breit (130 bis 150 cm), aber alle besitzen beiderseits der Fensteröffnung 40 cm breite, gemauerte Bänke, die mit einem Sitzbrett versehen waren.

Die Größe der Fenster, von denen vier mit schön abgemeißelten granitenen Wandstücken umrahmt sind, ist, entsprechend der Weite der Nische, verschieden. Die Fenster in den Nischen A bis A3 besitzen 100 cm Höhe und 50 cm Weite. In den granitenen Verkleidungsstücken zeigen sich ausgestemmte Löcher, an der Längsseite des Fensterstocks beiderseits je drei, an der Schmalseite je zwei, welche zum Einlassen eines eisernen Fenstergitters dienten. Auch beim gegenüberliegenden Hoffenster bemerkt man, im Gewände desselben, die Vertiefungen für die Gitterstangen. Es waren also die Fenster des zweiten Stockes vergittert, ein Beweis, daß die Burgbesitzer dem Landfrieden, selbst in dieser Höhe, nicht recht trauten. Die Maschen dieser Fenstergitter gestatteten gerade zur Not, daß man den Kopf hindurchstecken konnte.

Das mit verhältnismäßig vielen (also sechs) und ,,großen“ Fenstern, besonders aber mit jenen weiten alkovenartigen Nischen ausgestattete Geschoß ist dadurch als das vornehmste in der Burg, als besonderer Wohnraum der Burgbesitzer gekennzeichnet.

Man ist zumeist geneigt, diesen obersten Raum im Gebäude G der Eibensteiner Burg leichthin als den ,,Rittersaal“, welcher ausschließlich zu festlichen Zusammenkünften bestimmt war, zu bezeichnen. Indessen darf man nicht vergessen, daß Burgen wie die Eibensteiner, die zu den kleineren oder höchstens mittleren, zu den von Angehörigen des niederen Adels erbauten Wohnsitzen gehörte, ursprünglich auch räumlich ziemlich beschränkt war, so daß an einen eigenen, ausschließlich zu festlichen Gelagen und Zusammenkünften bestimmten ,,Prunksaal“ nicht recht gedacht werden kann. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß das zweite Stockwerk hier nicht nur dem Aufenthalt des Burgherrn, sondern auch zugleich der besonderen Bewirtung von Gästen gedient haben konnte. Der Raum ist nämlich groß genug (über 10 m lang und 5 m breit), um anzunehmen, daß der schmälere Teil des Geschoßes durch eine Bohlenwand (in der Zeichnung durch eine punktierte Linie dargestellt) vom größeren geschieden war, wofür auch die Verteilung der Fenster in den beiden Längsseiten des Stockwerkes sprechen würde, weil zu erkennen ist, daß sie nicht alle einen gemeinsamen Raum zu erhellen hatten. Es würde sonach das oberste Stockwerk in zwei Räume geteilt gewesen sein, in ein größeres, von den vier vorderen Fenstern erleuchtetes Gemach, und in ein kleineres, rückwärtiges Schlafzimmer, das mit kleineren Fenstern versehen war.

 

Daß das zweite Stockwerk nicht ausschließlich als „Prunkgemach“ gedient haben mochte, geht auch daraus hervor, daß nur die Fensteröffnungen des noch vorne liegenden Geschoßraumes gleichmäßig groß (50 x 100 cm) sind, während diejenigen, welche das ,,Schlafgemach“ beziehungsweise den gewöhnlichen Wohnraum erhellten, bedeutend kleiner sind, nämlich bloß
35 - 40 cm breit und 70 - 80 cm hoch. Daß man für die Schlafräume in damaliger Zeit der Winterkälte wegen kleinere Fensteröffnungen machte, ist an anderer Stelle bereits erörtert worden. In der Zeichnung sind die Fensternischen des zweiten Stockwerkes durch punktierte Linien angedeutet. Die Fensteröffnungen selbst wurden hierbei außer acht gelassen. Bemerkenswert ist noch, daß die Fenster (in A4 und A5) des als Schlafgemach erachteten Raumes, zum Unterschied von denen des ,,Prunkgemachs", keine gemeißelten Steinverkleidungen besaßen, was also auch dafür sprechen würde, das dieses im rückwärtigen Teil des zweiten Stockwerks gelegene Gemach überhaupt untergeordneteren Zwecken gedient hätte als das vordere.

Obgleich es in kleineren Burgen auch vorkam, daß der Burgherr mit seiner Familie zusammen wohnte, so deuten die Wohnungsverhältnisse auf Eibenstein doch wieder darauf hin, daß wenigstens später der Burgfrau und ihren Pflegebefohlenen ein eigener Gebäudeteil zugewiesen war, welchen wir in G1 vermuten dürfen. Doch bevor dieser Teil, das sogenannte Weiberhaus, auch Kemenate oder Gadem genannt, eingehender besprochen werden soll, sei erst das Herrenhaus oder der Palas (G) zu Ende beschrieben. Entschieden hatte das große Gemach im obersten Geschoß des Palas die schönste und angenehmste Lage.

Aus seinen Fenstern genoß man einen herrlichen Ausblick in das liebliche Talbecken zu Füßen der Burg, auf die weißgetünchten, friedlich aus dem Grün der Gärten hervorlugenden Häuschen des Dorfes, auf die so ungemein anmutig auf den Hügel erbaute Kirche und ringsum auf die dichtbewaldeten Berge und Talgehänge. Denkt man sich dazu die das Tal durchfließende Thaya mit dem rauschenden Mühlwehr und die Zeit, wo die untergehende Sonne die Wipfel der Bäume, die Dächer der Kirche und der höhergelegenen Häuser im goldigen Schimmer erscheinen lässt, so ist es begreiflich, daß dieses Gemach der Burg zum vornehmsten Raum derselben bestimmt werden konnte. - Ob Wohnraum des Burgherrn oder ,,Rittersaal", das läßt sich nicht mehr genau entscheiden. Nehmen wir jedoch an, daß die breitere, größere Hälfte des obersten Stockwerkes im Herrenhaus G später als Prunkraum oder ,,Rittersaal" diente, wo die so oft geschilderten Gelage stattfanden.

Auch solche Räume hatten in damaliger Zeit gar nicht so viel Prunkhaftes an sich. Das Schönste an ihnen war zumeist eine dunkel gebeizte hölzerne Balkendecke, deren einzelne Trame mehr oder weniger mit Schnitzwerk verziert waren. Nur in den vornehmeren Burgen war die Decke kunstvoll getäfelt und die Wände des Prunksaales mit gebeizten Holztafeln verkleidet. Die Wände waren sonst meist weiß getüncht, oder mit jenem glasharten, marmorartigen Kalkmörtel glatt überzogen, dessen Herstellung ein Geheimnis der damaligen Zeit geblieben zu sein scheint. Ringsum an den Wänden eines solchen Raumes zogen sich dann Sitzbänke hin, in der Mitte aber stand der mächtige, lange Eichentisch. An der einen Schmalseite befand sich wohl auch ein Schenktisch (Kredenz). Die Wände waren mit Waffen, Rüststücken, bisweilen vielleicht auch mit Ölgemälden verziert. Der Fußboden, ein Estrich, in späteren Zeiten aus Steinfliesen hergestellt, war mit mehr oder minder kostbaren Matten oder Tierfellen belegt. So können wir uns ungefähr den Prunksaal, was Fußboden, Decke und Wände betrifft, auch die Wohnräume des Herrn einer Burg aus dem 11., 12., 13. und 14. Jahrhundert vorstellen. Während nun der Burgherr allenfalls bei besonderen Anlässen mit seinen Gästen am großen Tisch wacker zechte und seine und anderer Genossen Kriegs-, mitunter auch Raubtaten, besprochen wurden, saßen die Frauen bescheiden in jenen tiefen Fensternischen mit einer Handarbeit beschäftigt, oder aber ab und zu füllten sie auch die Becher der trinkgewaltigen Zecher, vorausgesetzt, der Burgkeller besaß Weinvorrat. Damals war es nicht Sitte, daß Frauen am Zechtisch der Männer saßen. Nahm aber die Unterhaltung der bereits weinbegeisterten Männer einen etwas bedenklichen Grad an, dann entfernte sich die Hausfrau aus dem Saal, übertrug das Schenkamt einem Knappen und begab sich in ihre besonderen Gemächer.

c) Der Vorraum R mit dem Abort

 

Abb. 11: Südwestansicht Burg Eibenstein um 1880.
Erkennbar ist der damals noch unbeschädigte
Abtritterker/ Abort mit Dach

 


 


Wie das erste Stockwerk des Hauptgebäudes G, die Gesindestube, durch die Türe d mit dem Erdgeschoß des Vorraumes R in Verbindung stand, so führte wieder aus dem zweiten eine Türe in das erste Geschoß dieses Vorraumes, das hier eine Art Vorzimmer bildete. Aus diesem Vorzimmer - die Genauigkeit der vorliegenden Darstellung erfordert diese Erwähnung - führte rechter Hand eine Türe in den Abort, einer 80 cm weiten, 190 cm hohen, nischenartigen Ausnehmung in der fast 170 cm starken Fortsetzung der Hauptmauer. Der äußere Abschluß dieser Maueröffnung ist durch eine 40 cm weite, über die Außenfläche der Hauptmauer ausladende, sogenannte Pechnase (a), die oben schief abgedeckt war, hergestellt. Das 25 cm starke Mauerwerk der ,,Pechnase“ ruht auf zwei starken, abgemeißelten und 60 cm vorragenden Tragsteinen.

Das Sitzbrett, dessen Auflager noch deutlich zu sehen ist, befand sich in einer Höhe von 45 cm über dem Fußbodenbelag des Raumes. Die eine Schmalseite der ,,Pechnase" zeigt eine kleine viereckige Öffnung. Zur Linken in der Hauptmauer ist 80 cm über dem Boden eine 30 cm tiefe, 44 cm breite und 36 cm hohe Wandnische, vermutlich zum Einstellen des Lichtes angebracht.

Noch heute zeigen die Steine des Mauerstückes unterhalb der ,,Pechnase" ein derart verändertes Aussehen (von dem übrigen angrenzenden Mauerwerk), daß kein Zweifel darüber herrschen kann, welchem Zweck die Pechnase hier ausschließlich diente. Von einem empfindsamen Schönheitsgefühl und einer zarten Rücksichtnahme auf die auf der anderen Seite des Flußes wohnenden Untertanen legt diese Verwendung der Pechnase durch die Burgleute kein Zeugnis ab. Indessen hatte diese Art und Weise der ,,Kanalisierung" in die Thaya den einen Vorteil, daß die Luft innerhalb der Burg von unangenehmen Gerüchen frei blieb. Wir dürfen auch in dieser Beziehung nur den Maßstab der damaligen Zeit, der Erbauungszeit der Burg, anlegen.
Nachdem hier schon die ,,Pechnasen", jene erkerartigen Vorsprünge an den Außenmauern der Burg erwähnt wurden, so sei bemerkt, daß diese Vorrichtungen zumeist oberhalb der
Eingangstüren und -tore angebracht wurden, mit der Bestimmung, die Gegner, die hier
einzudringen versuchten, von oben herab mit Steinen zu bewerfen, mit siedendem Pech (daher der Name Pechnase) zu begießen, ohne daß sich die Verteidiger bei dieser menschenfreundlichen Tätigkeit den feindlichen Blicken und Geschoßen auszusetzen brauchten. Zu diesem Zwecke ist auf Eibenstein keine ,,Pechnase" bemerkbar, denn die einzige, die vorhanden ist, ist eben jene bereits angeführte, die sich, gemäß ihres schon ursprünglichen Zweckes an einer Stelle befindet, wo die Steilheit des Felsens und die Nähe des Flußes jeglichen feindlichen Angriff von vornherein ausschließt. Zu bemerken ist noch, daß es in einzelnen Burgen ,,Pechnasen" gab, die zumeist in den Burggraben ausluden, welche wohl auch beiden hier angedeuteten Zwecken (je nachdem ob Friedens- oder Kriegszeit war) dienten.

Bevor der Vorraum R, dessen Grundrißform ein an zwei Ecken abgestumpftes Dreieck vorstellt, verlassen werden soll, erübrigt es noch der Maueröffnungen darinnen zu gedenken. Im Erdgeschoß befindet sich der 90 cm breiten und 180 cm hohen Türöffnung (g) gegenüber in der Hauptmauer ein Licht- und Luftschlitz, 60 cm weit, 110 cm hoch, der sich nach außen auf 20 cm Weite und 80 cm Höhe verjüngt. Der Aborttüre gegenüber im ersten Stock ist eine ähnliche schlitzartige Maueröffnung in den Hof hinaus zu bemerken. Aus dem Erdgeschoß von R gelangt man durch die Türe g auf die hier im Mittel 5 m breite Terrasse, von der vermutlich in der Nähe der Küche einst eine steinerne Treppe in den Hof H1 hinabführte.

 

d) Der Zubau K (Pferdestall oder Pförtnerwohnung)
 

Abb. 12: Hinter dem Haupttor rechts ein Mauerstück des „Stallgebäudes“ oder der Pförtnerwohnung

 

 

 


In der Ecke, zwischen dem Palas (G) und dem Burgtor (E), erhebt sich ein 2 m hoher, ebenerdiger Zubau (K), welcher einst als Pferdestall gedient haben soll, wahrscheinlicher jedoch als Pförtnerswohnung. Die Wand gegen das Tor zu besaß eine kleine Fensteröffnung.

Der vor dem Eingang harrende und Einlaß heischende Besucher verständigte den Pförtner oder Torwart (heute Portier) meist durch Zuruf und kurzer Angabe seines Begehrens, bzw. veranlaßte ihn zum Öffnen des Tores. Glockenzüge gab es im Mittelalter nicht. Bisweilen war wohl auch an der Außenseite des Tores eine Metallplatte eingelassen und oberhalb ein beweglicher, eiserner Klopfer, den man aufhob und auf die Platte fallen ließ, oder aber es hingen draußen vor dem Tor große Schalltafeln aus Holz oder Metall, daneben an einer Kette ein hölzerner oder eiserner Hammer.

Dieser Zubau umschließt ein unregelmäßiges längliches Viereck, mit einer 160 cm weiten, ursprünglich wohl engeren Eingangsöffnung (bei i). Die beiden Schmalseiten des Gebäudes messen innen je 320 cm, die mittlere Länge beträgt 880 cm. In der Ecke bei u zeigt sich eine Vertiefung, die angeblich vom verschütteten Kellerzugang herrühren soll. Der Sage nach soll der Keller eine weitläufige unterirdische Räumlichkeit bilden, in der sich noch Fässer alten Weines, der von seiner ,,eigenen Haut“ geschlossen ist (Weinsteinkruste), befinden. Aus diesem Keller führe ein geheimer Gang unter dem felsigen Flußbett der Thaya hindurch in den Hohlraum des Hügels, auf dem die alte Egydiuskirche steht.

Der 140 cm starke Maueransatz v liegt mit der Innenseite der Wand w nicht in einer Flucht, da die Stärke der letzteren nur 100 cm beträgt; w1 besitzt 120 cm Stärke. Dem Anschein nach dürfte der nicht besonders fest gemauerte Zubau K erst später errichtet worden sein, wie überhaupt die Burg verschiedene Bauzeitabschnitte (Perioden) erkennen läßt, was deutlich daraus hervorgeht, daß einzelne Maueranschlüsse nicht mittels ,,Läufer“ und ,,Binder“ (übergreifende Längs- und Querstücke) aneinandergefügt sind, also sogenannte ,,Schmatzen“ aufweisen, sondern an mehreren Stellen stumpf aneinander stoßen. Wie bei anderen Burgen, so fanden eben auch hier im Laufe der Jahrhunderte, je nach dem Geschmack und den Bedürfnissen der einzelnen Besitzer, verschiedene Um- und Zubauten oder Erweiterungen statt.

e) Das Frauenhaus (Kemenate, Gadem)

Die dem Palas gegenüberliegende Schmalseite des Hofes wurde durch die Wand eines Gebäudes (G1) gebildet, das heute noch ein Erdgeschoß und zwei Stockwerke erkennen läßt, aber da die einzelnen Geschoße höher sind als die des Palas, in den noch stehenden zwei Mauerwänden eine Höhe von fast 9 m aufweist.

Möglicherweise war dieses Gebäude nach Osten hin sogar dreistöckig, oder aber es besaß an dieser Stelle ein Giebelzimmer unter dem Dach, worauf die Reste eines Bogenfensters nahe dem obersten Rand dieser Wand schließen lassen. Die Grundrissgestaltung des Gebäudes ist trapezförmig. Die Hofmauer und die gegen die Kapellen- bzw. Küchenseite gerichtete fehlen gänzlich. Die mittlere Tiefe der Räumlichkeiten in diesem Gebäude, dessen Wände sich nach
oben hin in ihrer Stärke verjüngen, betrug über 9 m, ihre mittlere Breite 6 m.

Das Erdgeschoß diente vermutlich als Vorrats- oder Gerätekammer. Die 540 cm lange Wandseite w2 zeigt eine kellerlochartige Öffnung. Das erste Stockwerk besitzt an der Nordseite keine Fensteröffnung, dürfte dagegen aber an der nun fehlenden Hofseite w3 eine solche gehabt haben. An der mit der Kapelle gleichlaufenden Wand war gewiss eine Türe vorhanden, welche auf den schmalen Gang führte, der mit der Kapelle, der Küche und weiterhin mit dem Raum R die Verbindung vermittelte.

Die im Erdgeschoß fast 140 cm starke Mauer w2 zeigt im ersten Stock eine 110 cm tiefe, 200 cm breite und 200 bzw. 220 cm hohe, flach abgedeckte Mauernische, aus der einst eine 55 cm breite und 100 cm hohe Fensteröffnung (h) nach außen führte. Die Öffnung wurde jedoch später vermauert. Diese alkovenartige Wandvertiefung (Fensternische), welche beiderseits an den Schmalseiten gemauerte Sitzbänke besitzt, war einst ringsum innen mit einer Holzverkleidung versehen, worauf die noch sichtbaren, in gewissen Abständen in die Mauer versetzten Befestigungshölzer, an welche die Holzverschalung angenagelt werden konnte, hinweisen. Es liegt nahe, dieses Geschoß, wenn nicht überhaupt als gewöhnlich benutzten Versammlungsraum, so doch als Speisezimmer zu betrachten, da es die nächste Verbindung mit der Küche (Kü) besaß.
 

Abb. 13: Blick vom Hof zur Kemenate, die ungefähr hinter dem zweiten Baum links begann (Mauerabbruch erkennbar) und dessen Rückwand geradeaus zu sehen ist. Rechts im Bild schließt sich die Küche an.

 

 


Das zweite Stockwerk, mit den zwei nach Norden gerichteten größeren Fenstern, die aber bei weitem nicht so hoch, breit und tief (mit Sitz-Nischen ausgestattet) sind wie diejenigen des ,,Rittersaales“ im Palas, diente zweifellos als Wohngemach. Wahrscheinlich ging von diesem Gemach in Form eines erkerartigen Vorraumes ein Fenster in die Kapelle hinaus, das ,,Oratorium“ ersetzend.

Wie vorher erwähnt wurde, wäre das Gebäude G1 als ,,Frauenhaus“ zu betrachten. Wollte man aber an der Annahme festhalten, daß das zweite Stockwerk in G ausschließlich als ,,Rittersaal“ gedient habe, so müßte man wohl G1 als das Wohngebäude des Burgherrn betrachten und die Kemenate nach G2 verlegen. Doch scheint dies sehr unwahrscheinlich. Schon die Nähe der Küche weist darauf hin, daß wir in G1 eher das Frauenhaus (Kemenate), den gewöhnlichen Aufenthaltsraum der Burgherrin, vermuten dürfen.
 

Abb. 14: Rückwand der Kemenate,

vom Hof aus gesehen.

Zugemauertes Rundbogenfenster

mit darunterliegendem Schüttbodenfenster

Abb. 15: Rückwand der Kemenate, von außen

 

 

Auch die Ausstattung der von der Burgfrau bewohnten Räumlichkeiten war weit einfacher, als man es sich vielleicht vorstellt. Ein Betschemel, ein Heiligenbild, in vornehmeren Burgen auch ein kleines tragbares Flügelaltärchen, eine mehr oder minder verzierte Wiege, ein Spinnrad bezeichneten entweder den Platz im gemeinschaftlichen Wohnzimmer, den die Frau zugewiesen erhielt, oder aber, falls sie ein eigenes Gemach in einem besonderen Gebäudeteil bewohnte (wie hier angenommen werden kann), vervollständigte dies die Einrichtung des Frauen-Zimmers, das sonst noch einen mächtigen aus Ziegeln oder Ton errichteten Ofen (Kamin), einige Truhen für Kleider und Wäsche oder ein doppelspänniges Bett enthielt.

Auf die Gefahr hin, gewisse, für Rittersfräulein mit zarten, weißen Händen schwärmende Leser zu enttäuschen, sei an dieser Stelle bemerkt, daß das Leben in den Burgen untergeordneten Ranges kein derart üppiges war, wie man auf gewisse romanhafte Erzählungen hin glauben könnte. Das Jahreseinkommen vieler solcher Burgenbesitzer war nicht allzu hoch. In Folge dessen war das Gesinde, besonders das weibliche, das zur Verteidigung im Ernstfall, besonders aber bei kriegerischen (wohl auch räuberischen) Unternehmungen des Ritters, wenn er sich zur Vermehrung seiner Einnahmen auf die ,, Sattelnahrung" verlegte, weniger geeignet schien, nicht gar so bedeutend und daher mußte auch die Burgfrau und die ,,zarten Rittersfräulein" wacker in der Hauswirtschaft mit Hand anlegen.

Das Rittersfräulein hatte somit wenig Zeit, Gedichte zu lesen und feine, kunstvolle Stickarbeiten zu erzeugen, da Kochen, Kühe melken, Spinnen, Scheuern, Weben, Pflegen der Gemüseanlagen (im Burggraben oder in der Nähe der Burg), Instandhaltung der Wäsche und Kleidung usw. ihre Zeit vollauf in Anspruch nahm. Die Töchter der Burgbesitzer im Range der Eibensteiner dürften daher weniger jene „sammetweichen, lilienweißen, zarten Hände“ besessen haben, sondern vielmehr jene kräftigen, luftgebräunten, arbeitsgewohnten, die dem künftigen Gemahl Bürgschaft ablegten, daß er keine verweichlichte Zierpuppe, sondern eine gesunde, emsige, wirtschaftliche Hausfrau zu gewärtigen habe. ,,Poetischer“ waren wohl derartige Verhältnisse in den Burgen des reichen und hohen Adels.


f) Die Kapelle und die Küche

 

Abb. 16: Halbkreisförmige Apsis der Kapelle. Die Kapelle ist fast völlig mit Schutt und Erde aufgefüllt.

 

 


Nach der Beschreibung der beiden Baulichkeiten G und G1, welche ihrer Größe nach zuerst in Betracht kornmen, sei nun der Kapelle und der Küche Erwähnung getan. Beide Räumlichkeiten liegen einander nahe, bloß durch einen 3 m weiten Zwischenraum (L) getrennt.

Die Kapelle (Ka), entsprechend der ,,Größe“ der Burg, ist klein. Sie besaß eine halbrunde, 2,8 m weite und 1,7 m tiefe, halbkreisförmige Apsis, sowie ein einfaches Schiff von etwas mehr als 6 ½ m innerer Länge und 4 m Breite. Die Mauerstärke beträgt 1 m. Eine 100 cm weite Tür führte aus
dem Vorraum L, der sich zwischen der Kapelle und dem Küchengebäude befindet, in das Gotteshaus. In der Apsis ist eine Fensteröffnung angebracht, von 60 cm mittlerer Weite und 115 cm Höhe. 80 cm von der rechten Kante, auch etwas unterhalb, zeigt sich eine 50 cm weite, 35 cm hohe und 40 cm tiefe Mauernische n, vermutlich für die Aufbewahrung gottesdienstlicher Gegenstände bestimmt.

Diese Mauerblenden, die andernorts mehr oder weniger verziert als Sakramentshäuschen bekannt sind, lassen auch den Schluß zu, daß solche Kapellen mit dem Recht des Messelesens ausgestattet waren, was sonst nicht bei jeder Burgkapelle der Fall war, da sich nicht jeder Burgbesitzer einen eigenen Geistlichen halten konnte, obgleich letzterer, wenn er vorhanden, auch zu anderen Dienstleistungen herangezogen wurde. Als sogenannter Burgkaplan hatte er nebstbei auch notdürftigen Unterricht im Lesen und Schreiben zu erteilen, ja mußte sogar als Arzt und Krankenpfleger tätig sein. Mit dem Lesen und Schreiben hatte es in damaliger Zeit überhaupt so einiges auf sich; dem gemeinen Volk fehlte diese Kenntnis fast gänzlich und die Herren Ritter waren zumeist dieser Kunst gerade nur so weit mächtig, daß sie ihren Namen, häufig recht unleserlich, unter irgendeine Urkunde malen konnten. So hatte der Burgkaplan also auch die Aufgabe, Schriftstücke zu verfassen und vorzulesen.

Was die Ausstattung der Kapelle anbelangt, so war dieselbe auf Eibenstein wohl auch recht einfach; ein Kruzifix oder ein geschnitztes Heiligenbild in der Apsis, davor ein kleiner hölzerner Altartisch; im Schiff rechts einige einfach gezimmerte Betstühle. Nachdem von den Seitenwänden keine mehr in ihrer ursprünglichen Höhe erhalten ist, ist auch von einem allfälligen Deckengewölbe nichts zu bemerken. Die Längsachse der Kapelle stimmt nicht ganz genau mit der Richtung Ost-West überein. Die Abweichung von einer sonst üblichen Gepflogenheit dürfte durch die hierfür nicht ganz geeignete Lage der Baufläche zu erklären sein.

Die Küche (Kü), zum Teil aus dem Felsen gebrochen, ist ein freistehendes Gebäude von 6 m Länge und etwa 6 m Höhe. Der Innenraum ist viereckig, 4,10 m breit und im Mittel 3,6 m tief. Nach oben hin verengt sich der Küchenraum zum Rauchschlot (in der Zeichnung durch ein doppellinieges Viereck angedeutet), dessen oberer Aufsatz, der eigentliche Rauchfang, abgestürzt ist. Auch von der Herdstelle ist keine Spur mehr vorhanden. In der nach dem Hof gerichteten Wandseite des Küchenraumes befindet sich eine 185 cm hohe und 80 cm weite Türöffnung,
seitwärts davon eine 70 cm weite, ebenso hohe Fensteröffnung. In 3 m Höhe ein quadratisches Dunstloch mit 60 cm Seitenlänge. In der Wandseite links vom Eingang zeigt sich eine 70 cm weite Maueröffnung, durch welche vermutlich das im Raum L aufbewahrte Brennholz herbeigeschafft wurde.

Mit Ausnahme des Küchenschlotes bemerkt man sonst nirgends an den Wänden der einzelnen Geschoßmauern die Spuren, wo einst die mächtigen Kachelöfen oder Kamine gestanden haben - und es muß angenommen werden, daß die Bestandteile dieser einst gewiss vorhandenen Einrichtungsgegenstände bald nach ihrer gewaltsamen Zerstörung durch die damaligen Dorfbewohner abgetragen und weggeschleppt wurden. Daß nicht alles, was heute z. B. an Holzwerk im Gemäuer und steinernen Tür- und Fensterverkleidungsstücken fehlt, seinerzeit der Zerstörungswut des Feindes zum Opfer fiel, oder auf Rechnung der Witterungseinflüsse zu setzen ist, beweist die Tatsache, daß die eichenen Tragbalken über den Tür- und Fensteröffnungen zumeist nur an den noch heute mit Leitern erreichbaren Stellen fehlen, während sie in den höheren Geschoßen, wo sie doch mehr dem Wind und Regen ausgesetzt sind, noch vorhanden sind. Diese Beobachtung kann man wohl auch bei anderen verödeten Burgen machen.
 

Abb. 17: Küche mit Pyramidenschlot,

vom Hof aus gesehen.

 

Abb. 18: Schlot von innen

 

Abb. 19: Kücheninneres.
In der Ecke sind die Rußspuren noch gut zu sehen.

Kapelle wie Küche erheben sich auf der die Hoffläche um 2 - 3 m überragenden felsigen Plattform (IV). Diese Plattform, welche zugleich auch die Verbindung zwischen dem Hofraum H1 und H2 durch die Türe g1 herstellte, bildete gleichzeitig einen verschieden breiten Gang, der gegen den Hofraum H1 zu durch eine niedrige gemauerte Brustwehr, auf die noch die Trümmer
13, 14 und 15 hinweisen, abgegrenzt war und bei 15 an das Mauerwerk des Gebäudes G1 anschloß. Höchstwahrscheinlich

Abb. 20: Schlot von oben,

vom Felssporn aus gesehen

 war dieser vorne halboffene, rückwärts durch eine mehr als 4 m hohe, fast senkrechte Felswand und die Küchenmauer geschlossene Gang mit einem auf hölzernen Säulen ruhenden Dach überdeckt, sodaß der Verkehr zwischen den Gemächern des Palas und der Kemenate, sowie zur Kapelle und der Küche trockenen Fußes erfolgen konnte.

Zu bemerken wäre noch, daß jener einspringende Winkel im Felsboden L1 , der bis nahe an den Fuß der Küchenmauer heranreicht, durch ein Gewölbe überbrückt war, sodaß der Verbindungsgang ungehindert an über diese Stelle hinwegführte. Vermutlich befand sich an dieser Stelle in der Sohle des Ganges eine verschließbare kleine Öffnung, die durch das Gewölbe hindurch ging und durch welche die Küchenabfälle und die Herdasche hinabgeworfen wurden. daß sich in oder vor den Küchen solche Aschenlöcher befanden, ist Erfahrungssache.

In der Küche konnte hier diese Vorrichtung nicht angebracht werden, da sie auf felsigem Grunde erbaut ist. Bisweilen wurden solche Aschengewölbe als Verließe, die Aschenlöcher in den Küchen als die Öffnungen, durch welche die ,,zum Hungertode verurteilten Gefangenen“ hinabgelassen wurden, erklärt. Zumeist waren es jedoch nur diese Aschengewölbe. Die Aschengruben wurden selbstverständlich zeitweilig geräumt.

Nachdem hier schon von der Küche die Rede ist, soll auch der Küchenzettel (an Festtagen)
nicht unerwähnt bleiben. Nebst Wildbret, das die mehr oder minder ergiebige Jagd und der
Fischfang in der Thaya lieferte, bestand wohl die Nahrung der Burgbewohner zum großen
Teil aus Pflanzenkost. Denn der Fleischvorrat dürfte bald aufgezehrt gewesen sein, und dann bildeten eben Bohnen, Linsen und Erbsen die Hauptnahrung. Mehlspeisen und Brot aus Roggen, für das Gesinde aus Hafermehl. Gebäck aus Weizenmehl war damals noch Festgebäck. Rechnet man dazu ausnahmsweise noch Eier, Milch und Butter, so läßt sich ohne besondere Mühe der Küchenzettel in den Burgen unteren Ranges zusammenstellen. Der an stets vollen Tafeln, die unter der Last der seltensten Gerichte ächzen, prassende und stets aus vollen Bechern den köstlichsten Wein schlürfende Ritter lebte zumeist nur in der Einbildungskraft der Romanschriftsteller. Gar mancher der letzteren würde den Mund verziehen, müßte er einen Humpen jenes sauren Weins leeren, der die wenigen Fässer in den Kellern der Waldviertler Burgenbesitzer vom Range der Eibensteiner füllte.

Unter gewöhnlichen Verhältnissen sah der Küchenzettel so aus: Viele Menschen wurden zwar satt, aber meist auf erbärmliche Weise. Meistens fehlte es an frischem Fleisch, frischem Brot und auch Gemüse. Das Brot war meist hart, es wurde eben erst dann gebacken, wenn der frühere stets große Vorrat zu Ende ging. Gesalzene und geräucherte Fische und Rindfleisch, letzteres so hart, daß man es zerschlagen mußte, sehr oft schon übelriechend, dazu halbgesottene, bloß aufgequollene Hülsenfrüchte. Außer mit Reihern, Kranichen, Störchen und Schwänen beschäftigte sich die Kochkunst des 12. und 13. Jahrhunderts auch mit der Zubereitung von Raben und Geiern, letztere fing man in Zeiten der Not sogar beim Hochgericht, das sich bekanntlich sehr oft in der Nähe der Burg befand.

Der Geschichtsschreiber Aeneas Sylvius (der spätere Papst Pius II) erzählt von der damaligen kaiserlichen Hofhaltung (im 15. Jahrhundert) zu Wien und anderwärts, daß die Hofbediensteten nur verdorbenen und sauren Wein und ebensolches Bier erhielten. Sie mußten bei ihren Tafeln alle aus ein und demselben hölzernen Becher trinken, welcher dazu noch höchst unsauber war. Die Speisen bestanden in zähem und schon halb faulem Fleisch von alten Kühen, Ziegen und Schweinen, dann in einem Obst, das den grunzenden Vierbeinern ebenso schön vorgelegt wurde. Die Speisen waren in stinkendem Öl und Fett gekocht, sodaß ihr bloßer Geruch zum Erbrechen reizte. Das Brot war so hart, daß man es kaum kauen konnte. Die Tischtücher so unrein, außerdem so zerrissen und mürbe, daß Teile davon an den Fingern kleben blieben und die Gäste sich die Finger an ihren Kleidern abwischen mußten. - Auf diese Art wurde Aeneas Sylvius eine Zeitlang bewirtet. ,,Die Speisen der gemeinen Leute warn noch ungesünder und ekelhafter."

Zur Zeit des Aeneas Sylvius gab es wenigstens schon Teller und Gabeln, aber im 13. Jahrhundert behalf man sich noch ohne dies Gerätschaften; statt der Gabel dienten die Finger, statt des Tellers diente eine Schnitte Brot. Man langte nach den ,,Brocken" in der gemeinsamen Schüssel mit den Fingern und aß Flüssiges aus der gemeinsamen Schüssel mit einem Löffel. Messer hatte jeder Esser bei sich. Gewöhnlich kochte man am Sonntag für die ganze Woche und wärmte die Speisen nur immer auf. Die Küche wurde also nicht allzu sehr in Anspruch genommen und der verhältnismäßig beschränkte Raum derselben auf Eibenstein wird also nicht wundern.

Bevor wir uns durch die 90 cm breite und unbestimmbar hohe Pforte g1 (zwischen dem Frauenhaus und der Kapelle) in den Hof H2 begeben, sei noch kurz Umschau im inneren Burghof H1 gehalten. Dieser Hof stellt, wenn man sich das ungefähr 2 m hohe Umfassungsmauerwerk des Raumes K wegdenkt, ein unregelmäßiges Viereck dar, das im Mittel 8 m breit und ungefähr 18 m lang ist. Gegenwärtig erscheint der Hof länger, da die gegen den Hof zu abschließende Vordermauer (w3) des Gebäudes G1 fehlt und dessen 9 - 10 m hohe Außenmauer den ostwärtigen Abschluß bildet. Die Westseite des Hofes wird durch die 7 - 8 m hohe Palasmauer, die Südseite durch die 2 m hohe ziemlich senkrecht abgearbeitete Felsterrasse, auf der sich die 4 - 5 m hohe Felswand erhebt, welche den Wartturm trägt, sowie die Küche und Kapelle befinden, gebildet. Die nordwärts gerichtete Seite des Hofes wird durch eine verschieden hohe Mauer begrenzt. Der Teil v1v2 , welcher das 3 m hohe Tor enthält, ist ungefähr 8 m hoch und schließt sich an die noch um 190 - 200 cm höhere Außenmauer des Gebäudes G1 an. Bei v1 setzt sich die Mauer auf 4 ½ m Höhe ab und schließt, ziemlich gleich hoch bleibend, bei u an die Palasmauer an. Wie die Spuren zeigen, zog sich aber die Mauer von u bis v2 in gleicher Höhe (ungefähr 7 ½ m hoch) hin. Wie man sieht, war der Hofraum allseits von hohem Gemäuer umgeben, auch an der Nordseite, hier vermutlich deshalb, daß er von der überhöhenden Südlehne des unterhalb ziehenden Bachgrabens nicht leicht eingesehen werden konnte.

g) Der zweite Burghof

Und nun in den zweiten Burghof H2. Dieser ist mit Ausnahme des Gebäudes G2 , dessen noch vorhandene Wandstücke nach Norden und Osten ungefähr 5 m emporragen, fast von einem einzigen Trümmer- und Schutthaufen erfüllt. Es scheint, daß der zerstörende Feind in diesen Teil der Burg zuerst eindrang, wie auch einige Anzeichen darauf hinweisen, daß die Verteidiger der Burg diesen Teil zuerst preisgaben.

Was nun G2 anbelangt, so zeigt die zum großen Teil fehlende westliche Außenmauer (z z1) im Erdgeschoß ein ziemlich weites Eingangstor (E3), wie man aus den Resten der Torwölbung
(bei 8) schließen kann. Im ersten Stockwerk befand sich oberhalb E3 eine Fensteröffnung, ferner zeigt sich in der Ecke bei D eine alkovenartige Fensternische, die im Innern 2,80 m weit, nach außen nur 1,80 m misst. Den Spuren nach zu urteilen, besaß diese Wandseite im ersten Stock noch ein zweites Fenster F1 , jedoch kleiner als F. Im Erdgeschoß ist in dieser Mauer noch eine schlitzartige Fensteröffnung 5 vorhanden, die innen 70 cm hoch, 80 cm weit und sich nach außen auf 45 cm Höhe und 45 cm Weite verengt. An der Ostseite zeigt sich in der Außenwand, an welcher der äußere Burggraben vorbeiläuft, eine außen 90 cm weite Fensteröffnung. Die Stärke der Wand an der Grabenseite beträgt fast 130 cm; dagegen bezeugt die verhältnismäßig schwache (100 cm) Gebäudemauer D z1 , daß selbe nicht unmittelbar zugleich den Abschluß der Burg nach außen abgab, sondern daß dieser Teil der Feste einst durch eine weitere vorgelagerte Befestigungsmauer gesichert war, wofür auch das in einiger Entfernung vorhandene Mauerstück N1 spricht. Der Grundriß des Gebäudes G2 stellt im Innern ein ziemlich regelmäßiges Rechteck dar, von 9 ¾ m Länge und 6 m Breite. Der Stärke der Mauern nach zu urteilen, dürfte das Gebäude nur einstöckig gewesen sein. Das alkovenartige Fenster im ersten Stock kennzeichnet diesen Raum als Wohnraum. Vermutlich war dieses Gebäude zur Beherbergung von Gästen bestimmt, oder aber es diente nahen Anverwandten des Burgherrn zum Aufenthalt.

An die Außenmauer (zugleich innere Grabenmauer) des Gebäudes G2 schließt sich im stumpfen Winkel die fast 2 m starke Mauer S M an, den Abschluß der ,,Vorburg“ nach Osten bildend. Im Innern sich nur unbedeutend über den Schutt erhebend, zeigt diese Mauer vom Graben aus betrachtet noch gegen 4 m Höhe. Sie steht auf einem fast 3 m über die derzeitige Grabensohle ragenden, fast senkrecht abstürzenden Felsen und besitzt jene erwähnte Maueröffnung E2, welche an der Innenfläche der Hauptmauer gemessen, 2 m von der bloß 65 cm starken Mauer S z des Gebäudes G2 entfernt angebracht erscheint. Sowohl die Wölbung als auch die Seiten dieser Öffnung sind stark zerstört.

In der Mauerecke bei M zeigen sich zwei je 2 m starke Mauerklötze V1 und V2, welche einem turmähnlichen Befestigungswerk angehört haben dürften. Ob die vierte Abschlußseite dieses ,,Turmes" vorhanden war, ist fraglich, denn häufig ließ man diese Innenseiten solcher Befestigungswerke offen, wie dies bei den zur Grabenverteidigung üblichen, turmähnlichen Vorbauten der Fall war, die dann den Namen ,,Wichinser“ führten. Das Mauerstück V1 zeigt bei b eine tiefe Bresche. Jedenfalls ist es bemerkenswert, daß die Mauer V1 unmittelbar an das hier vermutlich ehemals vorhandene Außenmauerstück V glatt anschloß, ein Anhaltspunkt, daß der Turm T1 , bzw. diese Mauer später errichtet wurde, ja vielleicht noch während einer Belagerung, nachdem das Mauerwerk bei M abgestürzt war. (Anm.; hier irrt Kießling, der Turm T1 ist auf einer Zeichnung von 1862 noch zu sehen und ist erst im März 1867 eingestürzt.) Auch der stumpfe Anschluß (ohne Schmatzen) der 2 m dicken Mauer bei S1 an die bloß 130 cm starke Mauer des Gebäudes G2 läßt darauf schließen, daß dieser Teil der Burg erst im Lauf der Zeit, also nicht ursprünglich zugleich mit dem westlichen Teil, angelegt worden sein dürfte.

Die Schicksale der Burg dürften wiederholt ernste, ja verhängnisvolle gewesen sein. Die Verstärkung des schadhaft gewordenen Mauereckes bei M, ferner die eigentümliche Verstärkung der abgerundeten Ecke bei J (siehe Zubau K im inneren Burghof H1) lassen darauf schließen, daß diese Verstärkungen in aller Eile geschahen. Insbesonders bei J zeigt sich, daß man die 2 m hohe und 1 m dicke Mauer M3 , welche in ihrer ganzen noch vorhandenen Länge mit ihrer Fläche 11, 12 glatt an die Außenmauer anschließt, zu dem Zweck errichtet hat, um der, etwa durch die Katze (eine Art Mauerbrecher, eine Zerstörungsvorrichtung der Belagerer) hervorgerufene Bresche (bei B1), die heute noch als eine keilförmige, 130 cm tiefe, im Mittel 100 cm hohe und mehrere Meter lange Unterhöhlung der Außenmauer zu erkennen ist. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß diese Beschädigung eine mutwillige, aus jüngerer Zeit stammende ist. Bei der letzten Belagerung der Burg, die vermutlich mit ihrer Zerstörung endete, dürfte der Verteidiger zuerst den östlichen Teil der Feste preisgegeben und sich auf den Palas, den festeren Teil der Burg, zurückgezogen haben. In Voraussicht eines solchen Schrittes ließ er dann die Maueröffnung bei h (in G1) vermauern, denn diese Vermauerung zeigt, daß sie in ziemlicher Eile geschah.

Derartige, im Verlaufe einer Belagerung erfolgte Zumauerungen waren nichts Ungewöhnliches. Wie man heißes Pech, siedendes Öl oder Wasser, geschmolzenes Blei und ungelöschten Kalk bereithielt, um es den Angreifern von den Maschikulis, Pechnasen, Zinnen und Fenstern der Burg auf die Köpfe und Leiber zu gießen, so waren auch Mauersteine, Kalk und Sand stets zur Hand, um Beschädigungen des Mauerwerks sofort ausbessern zu können.

Bemerkenswert in diesem hier in Betracht gezogenen Teil der Burg ist noch das Mauerstück R1, welches sich fast unter einem rechten Winkel an die äußere Fläche der Wandseite w2 des Gebäudes G1 anschließt. Dieses Mauerstück ragt von der Kapellenseite aus betrachtet, 5 - 6 m hoch empor und ist 120 cm stark. Wir haben es hier mit den Resten einer wichtigeren Mauer zu tun, die, wie die Richtung vermuten lässt, an die Mauer D z1 des Gebäudes G2 anschloß, bzw. mit der in einer Flucht lag. Es liegen keinerlei Anhaltspunkte vor, daß man diese Mauer als die Hauptmauer eines Gebäudes betrachten dürfte, das sich etwa in den Hofraum H2 hinein erstreckt haben könnte, da sonst ein Teil der Kapelle (die Apsis) innerhalb dieses Gebäudes gelegen sein würde und auch die weite Türöffnung E2 in das Gebäude G2, die einen vorliegenden Hofraum voraussetzt, damit schwer vereinbar wäre.

Die durch Punkte angedeutete Linie R3 ist die fragliche Spur einer Mauer, die mit der Außenmauer M1 ein niedrigeres Gebäude begrenzt hatte, das zu Wirtschaftszwecken (Kuhstall o. ä.) gedient haben könnte. Demnach ließe sich dann auch die Maueröffnung E2 als jene Türe auffassen, durch welche man die Tiere auf die Weide trieb. Aber auch gegen Z1 zu lassen sich keine Spuren finden, die zu der in Frage gestellten Mauer R1 die Außenmauer einer Baulichkeit abgeben könnten, sodaß man sehr wohl annehmen kann, das Mauerstück R1 ist der Rest einer einfachen äußeren Begrenzungsmauer des Hofraumes H2. Vermutlich hatte sie auch eine Türe, durch welche man in den Zwinger Z1 gelangen konnte.

Ein Beweis, daß man es tatsächlich mit keiner Gebäude-, sondern mit einer freistehenden, also Begrenzungsmauer des Hofes H2 zu tun hat, ist der, daß sich 2 m von der Ecke bei U, in einer Höhe von ungefähr 1 m, in der Mauer R1 eine quadratische Wasserrinne von 20 - 25 cm Seitenlänge befindet, mit ausladendem Überfallsrandstein, welche das im höher gelegenen Hofraum vor der Mauer sich ansammelnde Regenwasser durch die Mauer hindurch in den tiefer gelegenen Zwinger leitete, von wo es dann vermutlich durch eine ähnliche rinnenartige Öffnung im Zwingermauerwerk nach außen abfließen konnte. Die Mauer eines Gebäudes würde eine derartige Wasserrinne gewiß nicht zeigen.

Das Mauerstück P ist ein nach allen Seiten eben abgemauerter Klotz von 125 cm Höhe, 125 cm Breite und 100 cm Tiefe, der keineswegs jemals höher oder länger war, sondern nur zur Verstärkung des Fußes der Mauerecke des Gebäudes G1 diente. Die Mauerspuren R2, die an R1 fast rechtwinkelig anschließen, sind aller Wahrscheinlichkeit nach die Reste eines Auflagers, das rechtsseitige Wangenstück jener steinernen Treppe, die aus dem tiefer gelegenen Zwingerhof Z1 in den höhergelegenen Burghof H2 (durch die angedeutete Türe in der Mauer R1) führte. daß sich in der Ecke vor U keine höhere Baulichkeit befand, wovon R2 allenfalls als Mauerrest betrachtet werden könnte, geht daraus hervor, daß die Wand w2 des Gebäudes G1 an jener Seite im ersten Stock jenes Fenster h besitzt, das sicherlich nicht in einen etwa angebauten Nebenwohnraum führte. Dagegen spricht schon die große, für einen Ausschau ins Freie berechnete Fensternische mit gemauerten Sitzbänken.

h) Der Bergfried

Nun kommen wir zum wichtigsten Bestandteil jeder mittelalterlichen Burg, zum Wartturm, oder wie seine ältere Bezeichnung lautete, zum Bergfried. Der Name Bergfried hängt mit bergen in der Bedeutung von schützen zusammen. Es war der letzte Zufluchtsort, in den sich die Belagerten zurückzogen. Bei den Burgen des 9. und 10. Jahrhunderts in der Mitte derselben erbaut, wurde er bei späteren Bauten mehr an die Außenseite gestellt; doch hing seine Anlage sehr häufig auch von der örtlichen Beschaffenheit des Bauplatzes ab. Im vorliegenden Fall konnte wohl keine günstigere Stelle gefunden werden als die Anlage auf dem die nächste Umgebung beherrschenden, leicht unzugänglich zu machenden Fels, dem ,,Eibenstein“. Der Bergfried bildete stets den festesten, sichersten Teil einer Burg und dementsprechend war auch die Stärke seiner Mauern. Die dicken Mauern in den mittelalterlichen Burgen sind so hergestellt, daß man erst eine äußere und innere Quaderwand errichtete, dann den Zwischenraum mit möglichst gutem Kalkmörtel, vermengt mit Feldsteinen, ausfüllte.

Schon in den ältesten Zeiten, als die Baulichkeiten der Burg noch aus hölzernen Blockhäusern bestanden, stellte man den Bergfried aus Stein her. Für gewöhnlich gab man diesen Türmen eine runde oder vierseitige Querschnittsform. Dreieckige und fünfeckige waren äußerst selten. Auch der Eibensteiner Bergfried (T) zeigt in seiner inneren Mauergestaltung eine viereckige, wenn auch unregelmäßige Querschnittsform; nach außen sind jedoch nur drei Seiten verhältnismäßig gerade, die vierte, gegen den inneren Burghof gerichtete, zeigt eine absonderliche Ausbauchung, die sich gegen Westen nasenförmig absetzt. Diese Ausbauchung, durch welche wohl die Eingangstüre in den Turm vor seitlicher Bestreichung geschützt erscheint, dürfte zunächst durch die Gestaltung des felsigen Untergrundes des Turmes bedingt gewesen sein.

Wie bei allen Bergfrieden befindet sich auch hier der Eingang in einer beträchtlichen Höhe (in unserem Fall 6 m) über der Grundfläche jenes Raumes (R), von dem aus dieser einzige Zugang erreichbar ist. Unter gewöhnlichen Verhältnissen führte wohl eine hölzerne Leiter zu ihm empor; noch sind die beiden Mauerlöcher zu bemerken, aus welchen die Tragbalken hervorragten, auf die sich diese Leiter stützte. In kriegerischen Zeiten wurde die hölzerne Leiter beseitigt und durch ein Aufzugsseil oder eine Strickleiter ersetzt, die, wenn die Belagerten sich in den Turm zurückgezogen hatten, leicht aufgezogen werden konnte. Der Turm selbst barg in seinen einzelnen Geschoßen Räumlichkeiten verschiedenen Zweckes. Im Notfall mußte er eben die ganze Burg ersetzen. (Anm.; Daher stammt auch der Ausdruck, jemand ist getürmt.)

Zuunterst die Rüst- und Vorratskammer, dann nach oben hin Aufenthaltsräume der Verteidiger (zugleich auch Küche) und zuoberst, zumeist unter dem Dach, die Stube des Wächters. Von hier aus war der Ausblick weithin ins Land möglich; sowohl friedliche Besucher als auch der Anmarsch von Feinden konnte von hier aus beobachtet und mittels Homrufen durch den Wächter gemeldet werden. Vom obersten Stockwerk des Eibensteiner Wartturmes dürfte man nicht nur die nächste Umgebung Drosendorf, Zissersdorf etc. überblickt, sondern auch etwa noch Kirchjapons, Fratting usw. gesehen - und das blinkende Rüstzeug heranziehender Gewappneter auf einen ziemlichen Umkreis rechtzeitig bemerkt haben. Auch die Lage des Turmes auf einem fast senkrecht zur Thaya abstürzenden Felsen ermöglichte es, daß die Belagerten, falls sie für einen genügenden Vorrat an festen Lebensmitteln gesorgt hatten, durch geeignete Aufzugsvorrichtungen in die Möglichkeit versetzt waren, Trinkwasser aus dem Fluß zu schöpfen. Wie die übrige Burg, so stellt auch der einst kühn anstrebende Wartturm heute weniger ein Bild der Zerstörung, vielmehr des Verfalles dar.

 

Abb. 21: Eingang in den Bergfried, vom Treppenhaus gesehen

Abb. 22: Rest der Westwand des Bergfrieds

Abb. 23: Ostseite des Bergfrieds, vom Felssporn aus,

mit zugemauerter Tür

Abb. 24: Nordwand. Fenster mit breiter Nische im mittleren Stockwerk


Die südliche, gegen das Dorf gerichtete Umfassungsmauer fehlt gänzlich, sie ist in die Tiefe gestürzt, von der westlichen Seite fehlt der Fläche nach mehr als die Hälfte des Mauerwerks.

Die dem Burghof zugewandte Seite S1 weist in der Mitte (Schnitt durch die Mauernische U1) im ersten Stockwerk die höchst ansehnliche Stärke von 240 cm auf. Diese Stärke nimmt aber im Anschluß an die Wandseite S2 bis auf 120 cm ab, da sich die Außenfläche der Mauer (S1) stark einwärts zieht, dadurch die abgerundete Mauerfläche hervorruft, während die Innenfläche fast geradlinig bleibt. Am Mauerfuß (Erdgeschoß des Turmes) gemessen, der bedeutend vorspringt, dürfte jedoch die Stärke der Wand S1 an der ostseitigen Ecke noch immer fast 1,5 m betragen. Der Mauerfuß des Turmes ist durch die äußere Doppellinie an dieser Stelle in der Zeichnung angedeutet. Die übrigen Mauern sind im ersten und zweiten Geschoß gleich stark, im dritten Geschoß ringsum jedoch schwächer. Bedeutend schwächer als die Nordseite (S1) des Turmes sind die übrigen drei Seitenwände. Es ist dies auch erklärlich, da von diesen Seiten eine Beschießung von gegenüberliegenden Höhen, das Anlegen von Sturmleitern und dgl. nicht so leicht möglich erschien. So besitzt nun die Mauer S2 an der Ostseite nur mehr die Stärke von 70 cm. Sie ist wie S1 ziemlich gut erhalten, innen 660 cm, außen 5 m hoch. Die dritte Seite S3 zeigt in ihren Ansätzen an S2 eine Stärke von 115 cm. Diese, den Turm gegen die Flußseite nach Süden zu abschließende Mauer, fehlt heute gänzlich. Im Frühjahr 1867 soll sie unter donnerähnlichem Gepolter in die Thaya gestürzt sein. (Anm.; nicht diese Mauer, sondern der Turm T1 muß damals in die Thaya gestürzt sein.) Die Grundfläche der Mauer war, wie der Augenschein zeigt, zuwenig nach einwärts geneigt abgemeißelt. Die Mauer S4 ist in ihren Resten sehr baufällig.

Über die Turmmaueröffnungen ist folgendes zu bemerken: Im unteren Geschoß die Eingangstüre t; in S1 und in S4 eine schmale, 30 cm breite Fensteröffnung zum Auslugen. Vermutlich befand sich eine ähnliche auch in der Wand S3. Im mittleren Geschoß die große kammerähnliche Wandnische U1; diese ist 220 cm weit, 220 cm tief und 200 cm hoch, sie verengt sich nach außen, wo sich die Fensteröffnung befindet, bis auf 100 cm. Die schmale Fensteröffnung mit gemeißelter Steingewändung ist 30 cm weit und 100 cm hoch. - Die Wand S4 zeigt die Spuren eines schmalen Fensters gegen Westen. Vermutlich besaß auch die Wand S3 eine nach Süden gerichtete Auslugöffnung. Das oberste Geschoß zeigt an der Nordseite zwei Fensteröffnungen. Eine ungefähr 50 cm hohe und ebenso weite, schräg durch die nasenartige äußere Absetzung der Wand S1 sowie eine 30 cm weite und 70 cm hohe, unmittelbar in den Hof hinab.

Die Wand S2 besaß eine 80 cm weite, 180 - 190 cm hohe, viereckige Türöffnung t1, die auf den Felsrücken des ,,Eibensteines“ hinausführte. Der untere Rand der Türe befindet sich noch 150 cm über dem Felsen, zu dem vielleicht eine Leiter hinabführte. Welchen Zweck dieser Ausgang auf den Felsen, der sich über der Küche erhebt, gedient haben könnte, ist schwer zu bestimmen. Die Türe ist jedoch später zugemauert worden. Wenn auch die Erklimmung des Felsens von P1 her, über eine vermutlich mehrere Meter hohe Mauer für einen gewappneten Feind ziemlich aussichtslos gewesen sein dürfte, so schien man dennoch nicht der geringen äußeren, nur 150 cm betragenden Höhe der Türe über dem Felsen getraut zu haben und mauerte diese, vielleicht erst in Zeiten der Gefahr, zu; noch ist der hölzerne Türstock zu bemerken. - Die Westseite S4 zeigt im obersten Geschoß eine 50 cm weite und 55 cm hohe Fensteröffnung. Eine ähnlich gestaltete dürfte wohl auch die abgestürzte Mauer S3 besessen haben. Man bemerkt also, daß die Fenster im obersten Geschoß bedeutend weiter waren als die in den unteren, was durch ihre größere Sicherheit gegen Einsteigen von außen erklärlich scheint.

Während die Mauerstärke mit Ausnahme von S1 bei den übrigen im ersten und zweiten Geschoß gleich stark blieb, zeigt mit Ausnahme der Wand S3, die auf dem im Inneren des Turmes an dieser Stelle fast ein Geschoß hoch aufragenden Felsen aufsitzt, die Stärke der Mauern S1 und S4 (vermutlich auch S3), im obersten Geschoß, der Wächterwohnung, eine Abnahme bis auf ungefähr 50 cm. Um nun dem Durchdringen der Kälte in dieser luftigen Höhe einigermaßen zu begegnen,
waren hier die Innenflächen der Mauern mit Brettern verschalt. Man bemerkt noch die Abdrücke im Mörtel der Wände. Ob nun das oberste, dritte Stockwerk mit einem Dach abschloß oder, wie es auch häufig der Fall war, eine nach unten hin wasserdichte Plattform, ringsum mit Zinnen und Scharten versehen, besaß, läßt sich nicht zuverlässig bestimmen, doch ist ersterer Abschluß hier der wahrscheinlichere.

Um sich eine Vorstellung von der Größe der vom Turm bedeckten Fläche bezogen auf die inneren Raumverhältnisse zu machen, seien noch folgende Maße erwähnt: Die Wand S1 an der Innenseite gemessen, weist 720 cm, S2 520 cm, S3 über 600 cm und S4 fast 350 cm auf (letztere vom Eingang gerechnet), die Räume innerhalb des Turmes waren also verhältnismäßig größer, als man sie von unten betrachtet schätzen würde. Die Höhe der Geschoße betrug zuoberst über 360 cm, im Mittelraum 300, zuunterst, wo der Raum zum Teil durch emporragenden felsigen Untergrund des Turmes ausgefüllt erscheint, ungefähr 200 cm. Die lichte Höhe des Turmes betrug also
fast 9 m, bis zur Dachspitze vielleicht 11 - 12 m.

Die einzelnen Geschoße standen wohl auch hier nur durch im Innern angebrachte Leitern miteinander in Verbindung. Die Eintrittsöffnung in den je höheren Raum befand sich dann im Fußboden und konnte mit einer starken, aus Bohlen gezimmerten Falltür oder mit einer eisernen Klappe geschlossen werden. War es dem Feind gelungen, in das untere Geschoß des Turmes einzudringen, so zogen sich die Verteidiger in die oberen zurück. Die Falltür wurde dann durch darübergestellte Gegenstände noch besonders verrammelt. Um die Verteidiger unschädlich zu machen, zündete man dann wohl im unteren Geschoß ein starkes Feuer an, sodaß das Holzwerk des Turmes samt der Bemannung verbrannte, wenn letztere sich nicht rechtzeitig entschloß, sich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben oder durch einen Sprung in die Tiefe lieber Hals und Bein zu brechen.

Jedenfalls war ein Eindringen des Feindes in den Turm gleichbedeutend mit dem Untergang seiner Besatzung, falls nicht ein letzter Ausweg vorhanden war. Sehr häufig kam es deshalb vor, daß aus dem Turm ein unterirdischer Ausgang ins Freie führte, der den Verteidigern zum Rückzug diente, wenn sogar der Turm unhaltbar geworden war. Aus dem Eibensteiner Bergfried scheint es jedoch keinen geheimen Ausgang gegeben zu haben und deshalb lässt auch die Sage den letzten Eibensteiner auf seinem Pferd den Sprung in die Tiefe unternehmen, wobei Ross und Reiter an dem Felsen zerschellten. Wie dem auch gewesen sein mochte, es scheint einst sehr heiß hergegangen zu sein auf Burg Eibenstein, und die sagenhafte Überlieferung von dem grässlichen Ende des letzten Ritters, den das Volk als ,,Templer“ bezeichnet, scheint teilweise auf tatsächlichen Ereignissen zu beruhen.

i) Das äußere Befestigungswerk

Nachdem die einzelnen Teile der eigentlichen Burg erledigt sind, wollen wir uns noch das äußere Befestigungswerk ansehen. Gemäß dem Grundsatz, daß kein halbwegs nicht sturmfreier, das heißt unmittelbaren feindlichen Angriffen ausgesetzter Teil der Burg und der Wohngebäude ohne äußere Schutzmauer sein durfte, sehen wir auch Burg Eibenstein diesen Gesetzen entsprechen.

Das zum Schutz der Auffahrtsrampe vermutete Vorwerk V V1 wurde bereits erwähnt. Vier Meter seitwärts des Mauerrestes o p findet sich am Rand des plattförmig abgesetzten Burgfelsens der Mauerrest (2), der einst mit (1) ein und derselben Mauer angehörte. 15 m seitwärts von 2, dem Plattformrand angeschmiegt, findet sich ein weiteres, ungefähr 5 m langes, oben vom Gras stark überwuchertes Mauerstück (3), das zweifellos einer von 2 gegen 4 ziehenden Mauer angehörte, die bei 4, entsprechend der spitz auslaufenden Plattform dem anderen Rand derselben folgte, an 5 anschloss und, wie der Winkel dieses Mauerstückes zeigt, bei 6 an die Stützmauer S anschloss. Der Mauerzug 2, 3, 4, 5, 6 umfriedete somit einen ,,Zingel“ genannten Raum (von umzingeln - lat. cingere), der vorerst vom Feind eingenommen werden mußte, bevor er die eigentliche Burg bedrängen konnte. Von 2 schloss dann die Mauer aller Wahrscheinlichkeit nach an das Vorwerk V (bei o) an.

Nicht mit solcher Sicherheit lassen sich die Mauerreste N, N1 und N2 verbinden, obgleich wenig Zweifel möglich ist, daß auch hier die dahinterliegenden Teile der Burg, besonders des Gadems, durch eine gemauerte äußere Umwallung besonders geschützt gewesen sein müßten.

Der Raum Z1 wäre dann als Zwinger (aus dem mhd. twingaere = Bedränger), auch Zwingerhof oder äußerer Burghof genannt, zu betrachten. Der Zwinger selbst war dann vermutlich durch eine weiter vorgelagerte, bei D beginnende und längs des äußeren Burggrabens bis an die Bachschlucht hinabziehende Umfassungsmauer, die also auch hier einen „Zingel“ bildete, gedeckt. An dieser Seite, der am wenigsten sturmfreien, war eine doppelte Sicherung gewiss am Platz. Wie der Abhang zwischen dem Mauerstück J N2 des Palas und der äußeren Rampenmauer D D1 m1 weiter unzugänglich gemacht, oder überhaupt mit Gemäuer bedacht war, läßt sich nicht sagen. Bei Versuchen stößt man zwar auf Mauersteine und Mörtel, doch spricht der dichte Baumbewuchs nicht dafür, daß man es hier mit einem zerstörten, einst an Ort und Stelle aufgeführten größeren Mauerkörper zu tun hat. Dagegen läßt ein von J gegen J2 sich hinziehender deutlich erkennbarer Rand unter dem Gras und Mooswuchs gelagerte Mauertrümmer spüren, welche möglicherweise einer Zwingermauer angehörten, die sich von J über J2 gegen den fraglichen Wendepunkt (1) der Auffahrtsrampe gezogen hat oder aber an geeigneter Stelle an das Zwingermauerstück N1 N2 anschloß; dann aber müßte in dieser Mauer J, J2 gegen N1 ein Tor gewesen sein, zu dem vielleicht der kleine Mauerrest t4 gehört haben könnte, wenn derselbe nicht ein vom Mauerwerk der Burg oberhalb herabgestürztes Stück bildet.

Die äußersten Umfassungsmauern besaßen besonders zur Verteidigung eingerichtete Vorrichtungen. Der obere Teil dieser Mauern hatte, nach anderen Beispielen zu urteilen, innen eine Brustwehr, einen schwächeren Maueraufsatz mit Schießscharten und Blenden. Der schmale Raum, den das Zurücktreten der schwächeren Brustwehr von der Mauerstärke frei ließ, diente als Standpunkt für die Verteidiger. Er hieß Wallgang. War die Mauer nicht breit genug hierfür, so wurde er durch ein hölzernes Gerüst ersetzt, das aus Brettern bestand, die auf Stützbalken ruhten. Auf diesem Gerüst, das auch den Namen Mordgang führte, konnten sich die Verteidiger hin und her bewegen. Nachdem von den äußeren Schutzmauern der Eibensteiner Burg nur mehr einzelne niedrige, nur von der Abhangseite zu bemerkende Mauertrümmer N1, 2, 3, 4 und 5 vorhanden sind, so läßt sich von der inneren Höhe dieser einstigen Befestigungsmauer nur vermuten, d sie, entsprechend der des Maueransatzes bei D, ungefähr 4 m betrug. Natürlich ist hier nichts von jenen viereckigen kleinen Mauerlöchern zu bemerken, welche den Stützbalken der Mordgänge als Auflager dienten.

Solche Maueröffnungen finden sich aber verhältnismäßig häufig (12 - 15 cm im Quadrat) auch im Mauerwerk der eigentlichen Burg Eibenstein. Diese Öffnungen, bisweilen auch rund (10 - 12 cm Durchmesser) durchziehen die Mauern in ihrer ganzen Dicke, rühren aber in diesem Fall von den Gerüsthölzern beim Bau her; es sind dies die Lager jener Balken, welche beiderseits der Mauer herausragten, um den Bretterbelag zu tragen, auf dem die Arbeiter standen. Diese Tragbalken wurden eingemauert; beim Abbrechen des Baugerüstes schnitt man dann die vorstehenden Stücke der Traghölzer einfach ab, das Mittelstück blieb eingemauert. Im Laufe der Jahrhunderte vermoderte wohl das Holz; doch kann man im Gemäuer von Eibenstein noch in mehreren solcher Löcher die eingemauerten Holzprügel erkennen. Wohl zu unterscheiden von diesen Bauhölzern sind jene Holzreste in den Wänden, welche den Tragbalken der hölzernen Treppen oder den Stützbalken von hölzernen Abteilungswänden gedient haben mochten.

j) Schlußbemerkungen

Aus den vorstehenden Darlegung dürfte sich ergeben, daß die Burg Eibenstein in der Tat zwar größer, umfangreicher war, als man dem ersten Augenschein nach zu glauben meint, daß sie aber dennoch in der Zahl ihrer Räumlichkeiten ziemlich beschränkt war. Die Erbauer von Eibenstein waren sicher kein reiches Geschlecht.

Die Einfachheit der äußeren Ausstattung der Burg, der Mangel jeglicher baulicher Zierrate (Erker etc.), Inschriftsteine (Wappensteine) ober den Toreingängen der Gebäude, deutet einerseits darauf hin, daß die Burg zu den ältesten des Landes gehört und daß sie mehr zur Verteidigung, zur gesicherten Unterkunft, als zur Bequemlichkeit erbaut worden war, andererseits aber auch, daß ihre Erbauer und deren Nachkommen nicht besonders prachtliebend bzw. übermäßig bemittelt waren.

Der Zugang in die oberen Stockwerke des Palas war ziemlich verborgen; aus dem Vorraum R in die vordere Abteilung der Gesindestube, von hier in den vornehmsten Wohnraum im zweiten Stock. Die Treppen waren aus Holz, denn hätten sie aus steinernen Stufen bestanden, so müßten sich an den inneren Wandseiten irgendwo die Spuren bzw. die Auflager (Wangenstücke) derselben zeigen.

Trotz dieser Einfachheit weist auch diese mittelalterliche Burg alle jene Hauptteile auf, wie sie sonst umfangreichere, prächtigere Bauwerke dieser Art besitzen. Wir haben das Frauen- oder Weiberhaus, auch Kemenate oder Gadem genannt. Hier war der gewöhnliche Aufenthaltsraum der Frauen und Kinder, hier wurden auch die weiblichen Besuche empfangen. Aber auch die Spinnstube, die Leinenkammer und dgl. befanden sich hier, entweder im Mittelraum oder im Erdgeschoß. In damaligen Zeiten fand es die Rittersfrau nicht unter ihrer Würde, an den häuslichen Arbeiten, besonders am Spinnen und Weben, teilzunehmen, oder aber die Arbeit der Mägde persönlich zu beaufsichtigen.

Wir haben weiters das Herren- oder Männerhaus, auch Palas genannt, dann die Kapelle, ein besonderes Küchenhaus, den Bergfried, ferner an äußeren Befestigungswerken das Zingel, den Zwinger, ein Vorwerk und eine gesicherte Zufahrtsrampe. Denken wir uns nun alle die Baulichkeiten vollständig mit Mörtel beworfen, weiß getüncht, mit hohen Satteldächern versehen, alles überragt durch das Spitzdach des Wartturms, dazu den blauen Himmel, den hellen Sonnenschein und das frische Grün der Wälder und Wiesen, so muß man zugeben, daß auch diese einfache Burg ihres Reizes und ihrer natürlichen Schönheit nicht entbehrte.

Vom Dorf aus betrachtet fiel vor allem der hohe, kühn auf dem Felsen stehende Wartturm ins Auge, von dessen Fuß sich nach rechtshin die mächtige, etwa 5 m hohe Burgmauer gegen Osten hinzog, die durch das hohe Dach der Kapelle und das des Turmes T1 überragt wurde. Weit abwechslungsvoller mußte jedoch der Anblick der Burg von der dem Dorf entgegengesetzten Seite, etwa von der gegenüberliegenden Höhe gewesen sein. Von hier aus betrachtet, sah man die Burg terrassenförmig aufgebaut, das hintere Bauwerk überhöhte stets das vorstehende.

Heute ist Eibenstein zum größten Teil ein Trümmerhaufen. Das Mauerwerk, das noch steht, ist dem Verfall preisgegeben. Der letzte aus dem Geschlecht der Erbauer der Burg, das unter dem Namen die Eibensteiner bekannt war, wird im 16. Jahrhundert genannt (1549).

Mit 1549 erlischt wohl die urkundliche Nachricht über die Eibensteiner. Damit ist aber nicht gesagt, daß nicht beachtet, weil verarmt, Nachkommen dieses Geschlechts noch irgendwo weiter leben. Ebenso darf das Alter eines Geschlechts nicht immer nach der Ersterwähnung desselben in einer Urkunde bemessen sein. Es mögen oft einige Generationen vergangen sein, bevor so manches Geschlecht aus seiner Unbedeutendheit in den Vordergrund trat und urkundlich genannt erscheint.

Wann die Eibensteiner Burg verödete, lässt sich nicht genau ermitteln. Im Jahre 1672 sind in der Beschreibung von Matthäus Vischer zwar die Burgen Raabs, Kollmitz, Karlstein, der Herrenhof in Primmersdorf, das Schloss Drosendorf, Kloster Geras, der Wilhelmshof, Pyrrhahof, der Herrenhof in Goggitsch, Unter- und Oberthumeritz, Schirmannsreith, Ruine Weikertschlag usw. angeführt, also sämtliche bemerkenswertere Baulichkeiten der Umgebung, doch Eibenstein erwähnt er nicht.

Dagegen läßt sich nicht einwenden, daß Eibenstein damals schon zerstört war und deshalb keine Berücksichtigung erfuhr, da in dem Vischerschen Werk auch Ruinen aus dem Waldviertel abgebildet sind, die damals, wie die Abbildungen beweisen, weit weniger Mauerreste aufwiesen als heute noch Eibenstein. Im Jahre 1672 mußte aber von Eibenstein noch viel, viel mehr erhalten gewesen sein als heute, erzählt doch die Überlieferung, daß die Burg noch zur Schwedenzeit (von ,,armen Leuten“) bewohnt gewesen sei.

Will man der Sage eine tiefere Bedeutung zumessen, so hatten die letzten Eibensteiner ein ziemlich wüstes Leben geführt (damit würde auch ihre Verarmung, die urkundlich belegte Veräußerung und der Verkauf aller ihrer Höfe u. dgl. erklärlich sein), so daß man vielleicht nicht einmal durch bildliche Darstellung ihrer Trümmerburg ihr Andenken überliefern wollte. M. Vischer nahm allerdings die von ihm veröffentlichten Burgen nicht alle persönlich auf, sondern benutzte vielfach ihm eingesandte Zeichnungen. Vielleicht lag es auch an einem dieser Einsender, gerade das schön gelegene und gewiss nicht zu übersehende Eibenstein auf diese Weise nicht verewigen zu helfen.

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